
Während 1946 in Hiroshima eine Atombombe explodiert, kommen in London Ginger und Rosa zur Welt. Die Mütter freunden sich an, die Töchter werden unzertrennlich. Dann sind sie plötzlich 17 und müssen feststellen, wie verschieden ihre Wünsche und Ziele doch sind. Die kindlicher wirkende Ginger möchte Dichterin werden. Gleichzeitig verfolgt sie aufmerksam die Nachrichtenmeldungen über das nukleare Wettrüsten zwischen USA und Sowjetunion. Sie fürchtet einen Atomkrieg und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Rosa dagegen bleibt teilnahmelos. Zwar begleitet sie Ginger zu pazifistischen Gesprächskreisen und Demonstrationen, schlägt dann aber doch Beten als naheliegendste Maßnahme vor. Während Ginger vom nuklearen Holocaust träumt, hofft Rosa auf die wahre Liebe. Und verliebt sich in Gingers freigeistigen Vater.
Ginger & Rosa ist insofern ein typischer Coming-of-Age-Film, als das er rund um die jungen Hauptfiguren essentielle Fragen behandelt. Vor allem geht es um die Vereinbarkeit von individueller Freiheit mit der Verantwortung gegenüber den Menschen, die einem etwas bedeuten. Ginger etwa bewundert ihren Vater, der während des Zweiten Weltkriegs lieber ins Gefängnis als zum Militär ging. Er ist nicht nur Pazifist, sondern auch antiautoritär, was immer wieder zu Konflikten mit Gingers Mutter führt, die sich Beständigkeit, Sicherheit oder einfach ein funktionales Familienleben wünscht. Sie selbst hat nach Gingers Geburt ihre Leidenschaft, das Malen, aufgegeben, um sich ganz Mann und Tochter widmen zu können. Als der Vater auf Rosas Avancen eingeht, ist Ginger schwer verletzt. Der Vater sieht sich dennoch im Recht und Ginger als Opfer repressiver, bürgerlicher Familienvorstellungen. Als Zuschauer lässt sich kaum sagen, welche Erwartungen eher berechtigt sind.
Ehrlich gesagt hatte ich nach dem Trailer vor allem einen typischen Mädchenfilm erwartet. Vielleicht ein bisschen melancholisch, ansonsten aber harmlos und leicht verdaulich. In Wirklichkeit ist Ginger & Rosa angenehm komplex, ganz ohne Zeigefinger oder Zwang. Filme „mit Message“ geben mir schnell Mal das Gefühl eines Welpen, dessen Schnauze man ins Pfützchen drückt, damit er lernt. Ginger & Rosa beantwortet aber auch keine Frage, sondern stellt sie. Was dann wohl den Unterschied ausmacht. Ansonsten ist er ziemlich großartig besetzt, vor allem durch Elle Fanning, der man so ziemlich alles abnehmen würde, außer dass sie einfach eine Vierzehnjährige ist, die eine Siebzehnjährige spielt. Allein Christine Hendricks als Mutter von Ginger wird nicht so ganz zur britischen Hausfrau, sondern bleibt immer ein wenig sehr Joan Holloway. Was wiederum vielleicht auch am gewohnten 1960er Jahre-Umfeld liegt.


