wondergirl

Aug. 24

“Von meinem Vater muss ich wiederum annehmen, dass er 1977 Rumours gehört und sich gedacht hat, „So, das reicht mir. Genug Musik für mich. Ich bin voll.” —

Dinge, die du erst lernst, wenn deine beiden Eltern tot sind | VICE Deutschland

Soweit einer der bodenständigsten Artikel zum Thema. Was soll man auch sonst machen.

Aug. 19

chimneyfish:

The Expectation, 1936

Richard Oelze

chimneyfish:

The Expectation, 1936

Richard Oelze

Aug. 07

chimneyfish:

Agosta, the Pigeon-Chested Man, and Rasha, the Black Dove, 1929

Christian Schad

Alsways II.

chimneyfish:

Agosta, the Pigeon-Chested Man, and Rasha, the Black Dove, 1929

Christian Schad

Alsways II.

Aug. 03

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

Wie in den letzten Jahren vielleicht öfters erwähnt, hatte ich in meiner Jugend wenig Freunde, im Alter von 12 bis etwa 16 tatsächlich überhaupt niemanden. Die meiste Zeit gab es Klassenkameraden und Nachbarskinder, mit denen ich immerhin zweckmäßig zusammenstehen konnte, die ich aber nie außerhalb von Schule und nachbarlichen Verpflichtungen traf. Zeitweise fielen aber sogar diese oberflächlichen Kontakte weg. Es war ziemlich deprimierend und gerne würde ich behaupten, ich hätte mich bewusst dafür entschieden, alleine zu sein. Im Endeffekt beruhte das Desinteresse zwischen mir und Gleichaltrigen aber auf Gegenseitigkeit und ich vermute, dass dabei sie die Initiative ergriffen hatten und meine Ablehnung nur eine Reaktion darauf war. Wirklich Freundschaften haben sich bei mir erst mit dem Studium entwickelt und auch das erst im Laufe der Semester.

In den letzten Monaten und Jahren habe ich ziemlich viele Menschen kennengelernt: durch verschiedene Jobs und Praktika, über Freunde und an der Uni. Grundsätzlich fällt mir sowas nicht schwer, mit Smalltalk kann ich mich arrangieren, aus kleinlichen Grundsatzdiskussionen halte ich mich raus und einen Mangel an Sympathie lebe ich kaum aktiv aus, sondern gehe der betreffenden Person aus dem Weg. Ich unterhalte mich meist gerne und finde oft auch schwer erträgliche Leute auf einer wissenschaftlichen Ebene tendenziell spannend. Für mich läuft’s irgendwie und für die Menschen, mit denen ich so zu tun habe, scheinbar auch. Zumindest ergeben sich immer wieder Bekanntschaften, die über befristete Jobs und akademische Seminare hinausreichen.

Das “Aber” sind dann aber auch einige dieser Bekanntschaften. Vor paar Tagen ist mir aufgefallen, dass ich seit Jahresanfang etwa eine Handvoll Angebote, kollegiales Miteinander zu vertiefen, abgelehnt habe. Wobei “abgelehnt” es nicht genau trifft, denn ich habe nie konkret abgesagt. Ich habe nur einfach nicht zugesagt. Vor allen Dingen weiß ich aber nicht, wie ich mit solchen Situationen umgehen soll: Kollege oder Kollegin schlägt vor, doch mal in der Freizeit was zu machen, weil ja sicherlich gemeinsame Interessen bestehen (Nein, wir reden hier nicht von Dings.), wir uns also viel zu sagen hätten. In allen aktuellen Fällen sah ich das nicht so. Zwar fand ich diejenige/denjenigen als Kollegen nett und hilfsbereit, aber halt nicht spannend. Oder zumindest nicht so spannend, dass ich eine Verabredungen alternativen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung vorgezogen hätte (Ich bin ein großer Anhänger von quality time mit mir selbst, die ich selten mit anderen Dingen als Büchern, Serien und geografischen Umwegen verbringe).

Mein Mangel an Zuneigung macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich finde mich undankbar, weil ich die Erfahrung gemacht habe, wie es ist, so ohne Freunde und trotzdem Möglichkeiten, neue Freundschaften zu schließen, nicht wahrnehme. Ich hätte definitiv nichts dagegen, noch mehr Menschen zu kennen, mit denen ich mich gerne und exzessiv austausche und regelmäßig Zeit verbringe. Aber dann ist da eben auch diese komplette Lustlosigkeit, die sich als Reaktion auf die ein oder andere Einladung einstellt. Was mich auch überfordert: wie kann ich meine Ablehnung so kommunizieren, dass sie meinem Gegenüber nicht unangenehm ist. “Sorry, aber ich treffe mich grundsätzlich nicht privat mit Kollegen.” ist keine Lösung, wenn der Andere weiß, dass man es doch tut. Nur halt nicht mit ihm. In solchen Fällen wünsche ich mir umfangreiche Benimmregeln zurück, in der subtile Gesten ausreichen, ohne das ich eine Ablehnung aussprechen muss und sie dadurch verbindlich mache. Denn ich rede mir ein, dass es da eine Art soziales Karma gibt und jedes “Nein” dafür sorgt, dass ich für distanziert gehalten und auch von Anderen immer seltener gemeinsame Unternehmungen angetragen bekomme und am Ende wieder das bin, was ich nie wieder sein möchte: einsam.

Juli 12

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Juni 30

“Unter den Vegetariern und Veganern sind danach fast ein Viertel Studierende. Diese haben in der Regel kein Geld für überflüssigen Luxus. Wie die jüngste Sozialerhebung des Studentenwerks ergeben hat, geben sie im Schnitt 165 Euro im Monat für Essen aus.” — Vegan essen: Ein gutes Gewissen hat seinen Preis

Juni 16

Disziplin 2.0

Thema Überwachung. Da bin ich ziemlich schlicht. Die Vorstellungen, der NSA könnte sich durch meine Xing-Newsletter-Kollektion lesen oder Facebook meine Daten an H&M verscherbeln, sind zwar nicht erbaulich. Wirklich Sorge bereitet mir aber eine ganz andere Entwicklung.

Mittlerweile habe ich unheimlich Angst davor, im Nachtbus einzuschlafen. Am Ende sabbere ich mich dabei voll, irgendein adoleszentes Bratz nimmt das Elend mit seinem Not-so-Smartphone auf und am Ende lande ich auf einer Facebook-Seite, die neben unvorteilhaften Fotos auch hämische Kommentare sammelt.

Es gibt ja nicht nur genug Pranger-Seiten über Walmart-Kunden und schlafende Obdachlose, mittlerweile habe ich selbst einige Male erlebt, wie Fremde ungefragt fotografiert oder gefilmt wurden. Bestenfalls weil ihr Style besonders attraktiv war, im Normalfall aber aus dem Gegenteil heraus: Weil sie sich auffällig verhielten. Weil sie dick oder unvorteilhaft gekleidet waren oder eigentümlich vor sich hinstarrten. Weil sie einigermaßen weit entfernt von nüchtern waren und man es ihnen ansah.

Selbst in meiner erlesenen Twitter-Timeline landen immer mal wieder diskrete Aufnahmen von heraushängenden Strings und schlafenden U-Bahn-Fahrgästen.

Darüber, was mit solchen Aufnahmen üblicherweise passiert, habe ich nur abstrakte Vorstellungen. Werden sie am Ende doch nur einfach gelöscht, weil das Motiv mit wenig Abstand nicht mehr allzu spannend ist? Zeigt man sich sowas im Freundeskreis rum? Was davon wird tatsächlich hochgeladen?

Da ich grundsätzlich paranoid bin, fühle ich mich durch die ständige Möglichkeit, fotografiert und ins Netz gestellt zu werden, tatsächlich eingeschränkt. Sich mal richtig abfüllen und dann durch die Innenstadt laufen? Komplett unvorteilhaft und daher exzessiv tanzen? Im Schlafanzug zu Lidl? Nachts im Stadtpark rummachen? Alles mittlerweile keine komplett unbefangenen Vergnügungen mehr.

Technische Voraussetzung und statistische Möglichkeit, dass alles nicht nur dokumentiert, sondern auch weitläufig verbreitet wird und sich meiner Kontrolle und somit auch meines Eingreifens entzieht, sind eine Form der Disziplinierung, bei der Foucault sicherlich sehr, sehr warm ums Herz geworden wäre.

Die Mechanismen dahinter sind eigentlich ziemlich klar. Ungefragt fotografiert werden kaum die schlanken, gepflegten, angemessen gekleideten, sexuell unauffälligen Menschen, die offensichtlich bei geistiger Klarheit sind, sondern halt die Anderen.

Leider ist das Einzige, was man gegen diese Entwicklung tun kann, nicht aktiv mitmachen. Wobei es sich allerdings aus Anstandsgründen von selbst versteht, dass man unbekannte Mitmenschen nicht unbedingt wie Dekokram behandeln muss, den man fürs Privatalbum mal eben so knipst.

Reaktiv ist man, oder zumindest ich, aber trotzdem dabei: durch prophylaktische Anpassung und kompromissbereite Unauffälligkeit.

Juni 06

2004 forever

Gefühltermaßen bin ich 94% der Zeit meines Erwachsenenlebens entweder auf Wohnungs- oder auf Jobsuche. Da ich nichts gelernt habe, was ich meiner Oma in zwei Sätzen erklären könnte, geht es für mich beruflich mehr und mehr Richtung Was-mit-Schreiben-und-Social-Media-und-so. Den Fuß in die Tür hab ich erstmals bekommen, in dem ich meine Blog- und Twitter-Aktivitäten offensiv erwähnt habe. Was mir komplett unangenehm war, denn ich fühlte mich dadurch in der Beweispflicht. Und ehrlich gesagt ist weder mein Tumblr, noch mein Twitter-Account etwas, was ich im professionellen Kontext auspacken würde.

Dabei gebe ich mir gelegentlich Mühe, nur Dinge zu schreiben, die mich nicht allzu sehr in Verlegenheit bringen würden. Und das finde ich ziemlich schade, denn eigentlich war das Netz für mich immer ein Raum großer Freiheit. Etwas, in dem ich auch mal vulgär, gehässig oder – noch schlimmer – langweilig sein konnte, ohne dass es existenzielle Konsequenzen hatte.

Mittlerweile geht das nicht mehr. Nicht nur aus professioneller Berechnung, auch weil Social Media (zum Glück) kein elitäres Randgruppenphänomen mehr ist. Für mich gibt es zwar noch die Online- und die Offline-Freunde, aber eben mit Überschneidungen: Kommilitonen folgen mir auf Instagram, Freundes-Freunde auf Twitter, Twitter-Bekannte kommen zu meiner Geburtstagsfeier und auf Facebook ist sowieso jeder. Überall gibt es das Risiko, dass etwas, was von mir nur beiläufig, aus Geschwätzigkeit oder der Pointe wegen, gepostet wird, für Andere Anlass ist, um besorgt nachzufragen, beleidigt zu sein oder das TMI-Schild hochzuhalten. Da hilft dann auch kein Darktwitter, denn da sind am Ende auch nur Leute, die ich kenne.

Manchmal bin ich schon ein bisschen nostalgisch, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es vor 10 Jahren tatsächlich entspannter war, oder ich einfach nur naiver. Auf jeden Fall denke ich, dass ich nicht so geworden wäre, wie ich jetzt bin, hätte es die Anonymität damals nicht gegeben. Im Netz habe ich mich getraut, ehrlich zu sein. Und dabei gemerkt, dass ich gar nicht so kryptisch und speziell bin, wie ich befürchtet habe. Im Gegenteil, es gab ziemlich viele Menschen, die mich verstanden oder zumindest mir gegenüber offen waren. Die erkannten, wann ich etwas ironisch meinte und worum es mir eigentlich ging. Diese Erfahrung hat mich ermutigt, auch in der Echtwelt mehr zu riskieren.

Heute würde ich behaupten, dass die Differenz, zwischen meiner Selbstdarstellung online und meinem Verhalten offline, ziemlich klein ist. Ich bin auch gegenüber Kollegen und Freunden gelegentlich launig oder eloquent,  kommuniziere offener meine eigenen Unzulänglichkeiten und schäme mich seltener für meine Ansichten. Auf Anonymität, um mich authentischer verhalten zu können, bin ich immer weniger angewiesen. Und trotzdem finde ich sie nach wie vor wichtig, als soziales Labor und als  Unverbindlichkeit, was ich zwar beides kaum noch brauche, was mir aber doch zur Verfügung stehen soll.

Nov. 15

Gesehen: Don Jon

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Jon Martello (Joseph Gordon-Levitt) ist ein junger Mann wie aus JERSEY SHORE. Er liebt seinen Körper, sein Auto, seine Bude, seine Kumpels, seine Eroberungen, seine Familie, seine Kirche und Onlinepornografie. Mit letzterer wird es schwierig, als er auf Barbara (Scarlett Johansson) trifft und beschließt, weil die Zeit reif und sie auf seiner Ratingscala eine glatte 10 ist, sich auf eine Beziehung einzulassen.

Jon wird von seinen Jungs nicht ohne Grund „Don Jon“ genannt. Unter dem Einfluss von Barbara ändert sich sein Leben. Statt um die Häuser zu ziehen, verbringt er seine Zeit jetzt mit ihr und die Footballübertragungen im Fernsehen werden zu Abendschulkursen. Barbara möchte die perfekte Beziehung und die ist für sie nur möglich, wenn Jon was aus sich macht. Was dagegen überhaupt nicht geht: Lügen und Pornos. Jon kann zwar auf einiges verzichten, bei seinen Lieblingsclips hört es aber auf und so findet er Wege, Pornos zu gucken, ohne das seine Freundin davon erfährt. Auch deswegen kommt er während seines Abendschulkurses mit der älteren Esther (Juliane Moore) ins Gespräch.

Auf den ersten Blick wirkt DON JON wie eine ziemlich schlimme Buddy-Komödie oder eine Männersindsofrauensindso-Geschichte. Jon und seine Kumpels wirken wie gute Gründe, sich nicht bei McFit anzumelden, während Barbara aussieht, als wären Gelnägel ihre persönliche Erfindung. Aber bald wird klar, wie parodistisch der Film stellenweise angelegt ist, etwa wenn Schlüsselszenen regelmäßig wiederholt werden. So die Art, wie Jon Frauen aufreißt, sein wöchentlicher Gang zur Kirche, inklusive anschließender Beichte oder das Geräusch, wenn sein Rechner hochfährt.

Unter der prolligen Schale steckt bei DON JON ein sanfter Kern. Durch Esther erkennt Jon die Nebenwirkungen seiner Sehgewohnheiten. Dass Pornos für ihn besser sind als echter Sex, hat er bereits selbst festgestellt. Wie sehr ihn seine Erwartungen von realen Erlebnissen distanzieren, merkt er erst nach und nach. Aber nicht nur Jon scheitert an der Wirklichkeit. Barbaras Beziehungsvorstellungen wurden ebenfalls durch Filme geprägt, in dem Fall allerdings Hollywooddramen mit Happy End. Dass Jon seine Wohnung am liebsten selber putzt und als Barkeeper ganz zufrieden ist, passt da nicht ins Konzept. Dafür, dass er für sie sein Leben nicht komplett aufgeben möchte, hat sie kein Verständnis.

DON JON ist Kulturindustrie-Theorie für Leute mit Undercut. Ohne es komplett abwertend zu meinen. Auch mit ein wenig mehr Erfahrung ist es ganz interessant, gelegentlich darüber nachzudenken, wie sehr das eigene Handeln durch Medien beeinflusst wird und DON JON stiftet dazu an. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Pornografie, dennoch frage ich mich, welche Vorstellungen ich von Sex hätte, gäbe es sie nicht. Und auch: ist kritischer, distanzierter Medienkonsum überhaupt möglich?

Gut gelöst ist auch das Filmende: ein gutes. Trotzdem bricht es mit den Erwartungen des Mainstreamkinogängers. Und mit denen von Jons Eltern.

Aug. 29

Gesehen: 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse

Kam in den letzten Jahren selten vor, dass mir nach einem Kinobesuch vor Lachen das Gesicht weh tat. Ansonsten ist es kein Film, über den sich schreiben lässt. Zumindest nicht im üblichen Vokabular, das nach konstanter Handlung, komplexen Charakteren und sowas wie Spannungsaufbau fragt. Nur kurz: ich bin eigentlich kein Helge Schneider-Fan. Heranwachsende haben ja immer so Phasen, in denen sie zwanghaft Komiker und Filme nachsprechen müssen. In meiner Peer Group kam irgendwann, zwischen Otto Waalkes und Das Leben des Brian, Helge Schneider dran. Noch heute Falle ich als Reaktion auf ein fröhlich geschmettertes “Telefonmann!” in einen Sekundenschlaf. Seine Filme, soweit gesehen, mochte ich aber immer sehr.