wondergirl

Juli 12

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Juni 30

“Unter den Vegetariern und Veganern sind danach fast ein Viertel Studierende. Diese haben in der Regel kein Geld für überflüssigen Luxus. Wie die jüngste Sozialerhebung des Studentenwerks ergeben hat, geben sie im Schnitt 165 Euro im Monat für Essen aus.” — Vegan essen: Ein gutes Gewissen hat seinen Preis

Juni 16

Disziplin 2.0

Thema Überwachung. Da bin ich ziemlich schlicht. Die Vorstellungen, der NSA könnte sich durch meine Xing-Newsletter-Kollektion lesen oder Facebook meine Daten an H&M verscherbeln, sind zwar nicht erbaulich. Wirklich Sorge bereitet mir aber eine ganz andere Entwicklung.

Mittlerweile habe ich unheimlich Angst davor, im Nachtbus einzuschlafen. Am Ende sabbere ich mich dabei voll, irgendein adoleszentes Bratz nimmt das Elend mit seinem Not-so-Smartphone auf und am Ende lande ich auf einer Facebook-Seite, die neben unvorteilhaften Fotos auch hämische Kommentare sammelt.

Es gibt ja nicht nur genug Pranger-Seiten über Walmart-Kunden und schlafende Obdachlose, mittlerweile habe ich selbst einige Male erlebt, wie Fremde ungefragt fotografiert oder gefilmt wurden. Bestenfalls weil ihr Style besonders attraktiv war, im Normalfall aber aus dem Gegenteil heraus: Weil sie sich auffällig verhielten. Weil sie dick oder unvorteilhaft gekleidet waren oder eigentümlich vor sich hinstarrten. Weil sie einigermaßen weit entfernt von nüchtern waren und man es ihnen ansah.

Selbst in meiner erlesenen Twitter-Timeline landen immer mal wieder diskrete Aufnahmen von heraushängenden Strings und schlafenden U-Bahn-Fahrgästen.

Darüber, was mit solchen Aufnahmen üblicherweise passiert, habe ich nur abstrakte Vorstellungen. Werden sie am Ende doch nur einfach gelöscht, weil das Motiv mit wenig Abstand nicht mehr allzu spannend ist? Zeigt man sich sowas im Freundeskreis rum? Was davon wird tatsächlich hochgeladen?

Da ich grundsätzlich paranoid bin, fühle ich mich durch die ständige Möglichkeit, fotografiert und ins Netz gestellt zu werden, tatsächlich eingeschränkt. Sich mal richtig abfüllen und dann durch die Innenstadt laufen? Komplett unvorteilhaft und daher exzessiv tanzen? Im Schlafanzug zu Lidl? Nachts im Stadtpark rummachen? Alles mittlerweile keine komplett unbefangenen Vergnügungen mehr.

Technische Voraussetzung und statistische Möglichkeit, dass alles nicht nur dokumentiert, sondern auch weitläufig verbreitet wird und sich meiner Kontrolle und somit auch meines Eingreifens entzieht, sind eine Form der Disziplinierung, bei der Foucault sicherlich sehr, sehr warm ums Herz geworden wäre.

Die Mechanismen dahinter sind eigentlich ziemlich klar. Ungefragt fotografiert werden kaum die schlanken, gepflegten, angemessen gekleideten, sexuell unauffälligen Menschen, die offensichtlich bei geistiger Klarheit sind, sondern halt die Anderen.

Leider ist das Einzige, was man gegen diese Entwicklung tun kann, nicht aktiv mitmachen. Wobei es sich allerdings aus Anstandsgründen von selbst versteht, dass man unbekannte Mitmenschen nicht unbedingt wie Dekokram behandeln muss, den man fürs Privatalbum mal eben so knipst.

Reaktiv ist man, oder zumindest ich, aber trotzdem dabei: durch prophylaktische Anpassung und kompromissbereite Unauffälligkeit.

Juni 06

2004 forever

Gefühltermaßen bin ich 94% der Zeit meines Erwachsenenlebens entweder auf Wohnungs- oder auf Jobsuche. Da ich nichts gelernt habe, was ich meiner Oma in zwei Sätzen erklären könnte, geht es für mich beruflich mehr und mehr Richtung Was-mit-Schreiben-und-Social-Media-und-so. Den Fuß in die Tür hab ich erstmals bekommen, in dem ich meine Blog- und Twitter-Aktivitäten offensiv erwähnt habe. Was mir komplett unangenehm war, denn ich fühlte mich dadurch in der Beweispflicht. Und ehrlich gesagt ist weder mein Tumblr, noch mein Twitter-Account etwas, was ich im professionellen Kontext auspacken würde.

Dabei gebe ich mir gelegentlich Mühe, nur Dinge zu schreiben, die mich nicht allzu sehr in Verlegenheit bringen würden. Und das finde ich ziemlich schade, denn eigentlich war das Netz für mich immer ein Raum großer Freiheit. Etwas, in dem ich auch mal vulgär, gehässig oder – noch schlimmer – langweilig sein konnte, ohne dass es existenzielle Konsequenzen hatte.

Mittlerweile geht das nicht mehr. Nicht nur aus professioneller Berechnung, auch weil Social Media (zum Glück) kein elitäres Randgruppenphänomen mehr ist. Für mich gibt es zwar noch die Online- und die Offline-Freunde, aber eben mit Überschneidungen: Kommilitonen folgen mir auf Instagram, Freundes-Freunde auf Twitter, Twitter-Bekannte kommen zu meiner Geburtstagsfeier und auf Facebook ist sowieso jeder. Überall gibt es das Risiko, dass etwas, was von mir nur beiläufig, aus Geschwätzigkeit oder der Pointe wegen, gepostet wird, für Andere Anlass ist, um besorgt nachzufragen, beleidigt zu sein oder das TMI-Schild hochzuhalten. Da hilft dann auch kein Darktwitter, denn da sind am Ende auch nur Leute, die ich kenne.

Manchmal bin ich schon ein bisschen nostalgisch, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es vor 10 Jahren tatsächlich entspannter war, oder ich einfach nur naiver. Auf jeden Fall denke ich, dass ich nicht so geworden wäre, wie ich jetzt bin, hätte es die Anonymität damals nicht gegeben. Im Netz habe ich mich getraut, ehrlich zu sein. Und dabei gemerkt, dass ich gar nicht so kryptisch und speziell bin, wie ich befürchtet habe. Im Gegenteil, es gab ziemlich viele Menschen, die mich verstanden oder zumindest mir gegenüber offen waren. Die erkannten, wann ich etwas ironisch meinte und worum es mir eigentlich ging. Diese Erfahrung hat mich ermutigt, auch in der Echtwelt mehr zu riskieren.

Heute würde ich behaupten, dass die Differenz, zwischen meiner Selbstdarstellung online und meinem Verhalten offline, ziemlich klein ist. Ich bin auch gegenüber Kollegen und Freunden gelegentlich launig oder eloquent,  kommuniziere offener meine eigenen Unzulänglichkeiten und schäme mich seltener für meine Ansichten. Auf Anonymität, um mich authentischer verhalten zu können, bin ich immer weniger angewiesen. Und trotzdem finde ich sie nach wie vor wichtig, als soziales Labor und als  Unverbindlichkeit, was ich zwar beides kaum noch brauche, was mir aber doch zur Verfügung stehen soll.

Nov. 15

Gesehen: Don Jon

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Jon Martello (Joseph Gordon-Levitt) ist ein junger Mann wie aus JERSEY SHORE. Er liebt seinen Körper, sein Auto, seine Bude, seine Kumpels, seine Eroberungen, seine Familie, seine Kirche und Onlinepornografie. Mit letzterer wird es schwierig, als er auf Barbara (Scarlett Johansson) trifft und beschließt, weil die Zeit reif und sie auf seiner Ratingscala eine glatte 10 ist, sich auf eine Beziehung einzulassen.

Jon wird von seinen Jungs nicht ohne Grund „Don Jon“ genannt. Unter dem Einfluss von Barbara ändert sich sein Leben. Statt um die Häuser zu ziehen, verbringt er seine Zeit jetzt mit ihr und die Footballübertragungen im Fernsehen werden zu Abendschulkursen. Barbara möchte die perfekte Beziehung und die ist für sie nur möglich, wenn Jon was aus sich macht. Was dagegen überhaupt nicht geht: Lügen und Pornos. Jon kann zwar auf einiges verzichten, bei seinen Lieblingsclips hört es aber auf und so findet er Wege, Pornos zu gucken, ohne das seine Freundin davon erfährt. Auch deswegen kommt er während seines Abendschulkurses mit der älteren Esther (Juliane Moore) ins Gespräch.

Auf den ersten Blick wirkt DON JON wie eine ziemlich schlimme Buddy-Komödie oder eine Männersindsofrauensindso-Geschichte. Jon und seine Kumpels wirken wie gute Gründe, sich nicht bei McFit anzumelden, während Barbara aussieht, als wären Gelnägel ihre persönliche Erfindung. Aber bald wird klar, wie parodistisch der Film stellenweise angelegt ist, etwa wenn Schlüsselszenen regelmäßig wiederholt werden. So die Art, wie Jon Frauen aufreißt, sein wöchentlicher Gang zur Kirche, inklusive anschließender Beichte oder das Geräusch, wenn sein Rechner hochfährt.

Unter der prolligen Schale steckt bei DON JON ein sanfter Kern. Durch Esther erkennt Jon die Nebenwirkungen seiner Sehgewohnheiten. Dass Pornos für ihn besser sind als echter Sex, hat er bereits selbst festgestellt. Wie sehr ihn seine Erwartungen von realen Erlebnissen distanzieren, merkt er erst nach und nach. Aber nicht nur Jon scheitert an der Wirklichkeit. Barbaras Beziehungsvorstellungen wurden ebenfalls durch Filme geprägt, in dem Fall allerdings Hollywooddramen mit Happy End. Dass Jon seine Wohnung am liebsten selber putzt und als Barkeeper ganz zufrieden ist, passt da nicht ins Konzept. Dafür, dass er für sie sein Leben nicht komplett aufgeben möchte, hat sie kein Verständnis.

DON JON ist Kulturindustrie-Theorie für Leute mit Undercut. Ohne es komplett abwertend zu meinen. Auch mit ein wenig mehr Erfahrung ist es ganz interessant, gelegentlich darüber nachzudenken, wie sehr das eigene Handeln durch Medien beeinflusst wird und DON JON stiftet dazu an. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Pornografie, dennoch frage ich mich, welche Vorstellungen ich von Sex hätte, gäbe es sie nicht. Und auch: ist kritischer, distanzierter Medienkonsum überhaupt möglich?

Gut gelöst ist auch das Filmende: ein gutes. Trotzdem bricht es mit den Erwartungen des Mainstreamkinogängers. Und mit denen von Jons Eltern.

Aug. 29

Gesehen: 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse

Kam in den letzten Jahren selten vor, dass mir nach einem Kinobesuch vor Lachen das Gesicht weh tat. Ansonsten ist es kein Film, über den sich schreiben lässt. Zumindest nicht im üblichen Vokabular, das nach konstanter Handlung, komplexen Charakteren und sowas wie Spannungsaufbau fragt. Nur kurz: ich bin eigentlich kein Helge Schneider-Fan. Heranwachsende haben ja immer so Phasen, in denen sie zwanghaft Komiker und Filme nachsprechen müssen. In meiner Peer Group kam irgendwann, zwischen Otto Waalkes und Das Leben des Brian, Helge Schneider dran. Noch heute Falle ich als Reaktion auf ein fröhlich geschmettertes “Telefonmann!” in einen Sekundenschlaf. Seine Filme, soweit gesehen, mochte ich aber immer sehr. 

Juli 16

Juli 08

Tag 07/07/13

In der Straßenbahn lese ich Rolf Dobellis Die Kunst des klugen Handelns fertig. Guckt man sich den Lebenslauf des Autors an, ahnt man, für welche Sorte Mensch das Buch gedacht ist. Dennoch ist es nicht uninteressant. Ein Abschnitt handelt davon, dass man News vermeiden sollte. Keine Zeitschrift und kein SpiegelOnline, keine Nachrichten in Radio oder Fernsehen. Erstmal klingt es wissensfeindlich, dann fällt mir auf, dass ich es selbst längst ähnlich handhabe, wenn auch nicht zu 100% konsequent. Es hat mich müde gemacht, pro Tag geschätzt eine Stunde damit zu verbringen, wo welches Flugzeug abgestürzt ist oder was welcher Politiker zu welcher Quote gesagt hat. Es ist kein reines Desinteresse, Bücher und Hintergrundberichte lese ich nach wie vor regelmäßig und mit Informationsgewinn (so wie auch Dobelli es empfiehlt). Nachrichten haben für mich jedoch immer mehr was von einem Mini-Shitstorm. 

Juli 04

Tag 04/07/13

Einmal hatte ich eine Verabredung. Wir tranken Milchkaffee und er erzählte, woher er kam.  Von seinen Eltern, die türkische Gastarbeiter waren und ihn zum Bildungsaufsteiger werden ließen. Er fragte nach meinem Hintergrund. Meine Eltern sind beide Akademiker, trotzdem hatten wir nie viel Geld. Mein Vater zahlte keinen Unterhalt, meine Mutter arbeitete in einem Beruf, für den sie keine Qualifikation besaß. Ihr Stundenlohn ist so hoch wie das, was ich in meinen Studentenjobs verdiene. Das ich immerhin kulturelles Kapital mitbekam, war mir egal, als ich mit 12 ganz materielle Wünsche hatte: selbstausgesuchte Klamotten, Reitstunden oder den Schüleraustausch nach England. Meine Verabredung fand die Vorraussetzung gut: “Du hast Hunger. Aus dir wird was.”. Aber warum sollte ich mich ausgerechnet dafür entscheiden, mehr zu wollen? Kann es nicht genauso gut sein, dass man lernt, sich abzufinden, keine Ansprüche zu stellen und nichts zu erwarten, schon gar nicht von einem selbst?

Juni 21

Tag 20/06/13

Als der Dozent, für ein Gedankenexperiment, wissen wollte, wer von uns Studierenden verheiratet ist. Und sich von den etwa 20 Leuten im Raum eine Handvoll meldete. Auf Arbeit dasselbe. Die Besten sind verheiratet. Oder zumindest in sehr, sehr langen Beziehungen. Mit 25, höchstens 30. Nur ich, ich bin seit Jahren Single. Zusammen mit den Hyperaktiven, den Ungewaschenen und dem Typen, der mit 30 noch bei seinen Eltern wohnt. Fühlt sich in schlechten Momenten an wie Stuhltanz.