wondergirl

Sept. 17

Gelesen: The Circle

The Circle fertig gelesen. Nicht verstanden, für wen das Buch geschrieben wurde. Liebhaber des Netzes werden die Darstellung schlicht finden. Pessimisten erfahren nichts Neues.

Die Handlung ist ziemlich minimalistisch: eine junge Frau, Mae, fängt bei einem Konzern namens The Circle an. The Circle ist eine Mischung aus Facebook, Twitter, Google und Apple. Der Rest des Romans ist die Beschreibung einer fiktiven Firma. Dann Ende.

Auch wenn The Circle keinen neuen Input leistet, lassen sich natürlich trotzdem alte Überlegungen neu aufkochen.

Privatsphäre: auch wenn ich schon lange und exzessiv Dinge ins Netz schreibe, bin ich ein großer Fan von Privatsphäre. Mittlerweile ist sowas für mich kein Widerspruch mehr. Ich hab festgestellt, dass eigentlich jeder, egal wie offensiv er oder sie im Netz auftritt, bestimmte Inhalte vermeidet: berufliche oder familiäre Situation, den Aufenthaltsort, Details über Freunde. Von mir gibt es zum Beispiel relativ wenig Fotos online und wenn ich in Tweets oder Blogs andere Menschen erwähne, forme ich die Charaktere soweit wie möglich um. Auch was genau ich beruflich mache, bleibt meist abstrakt. Einerseits, weil bestimmte Informationen im zu großen Ausmaß eben auch andere Menschen betreffen, die sie vielleicht nicht teilen möchten. Aber auch, weil ich den Eindruck habe, dass große Transparenz zu Distanzlosigkeit bei Mitmenschen führt. Und es sind ja leider oft die Falschen, die sich dazu eingeladen fühlen, sich einzumischen.

In The Circle ist das Ziel natürlich totale Transparenz. Alles Informationen sollen stets verfügbar sein, soziale Kontrolle ist die Konsequenz: Wer weiß, dass er beobachtet wird, verhält sich entsprechend. In dem Fall bin ich ziemlich bei Eggers: totale Transparenz würde weniger dazu führen, dass alle ihre Scham ablegen (Was ich auch unangenehm fände, btw.), sondern dass sich alle benehmen wir der Mainstream. Oder aber, als Gegenentwurf, bewusst rebellieren und die Grenzen austesten. Nicht aber, dass noch wesentlich nach eigenen Bedürfnissen und Intuitionen gehandelt wird: Nase bohren, Kühlschrank leer fressen – alles wird dann reflektiert und entweder vermieden oder zum Protest, auf jedem Fall nicht mehr der Sache wegen gemacht.

Unterm Strich denke ich nicht, dass Transparenz Privatsphäre aufhebt. Stattdessen wird die Privatsphäre verlagert, neu definiert, weggeschlossen. Wird zu Dingen, die man sich wünscht aber nicht traut, zu Gedanken, die man nicht ausspricht.

Arbeit: Eigentlich ist das Thema Arbeit in The Circle genauso präsent, wie das Thema Transparenz vs. Privatsphäre. Der Circle-Konzern setzt auf Cooperative Identity pur, was für mich absolut unsympathisch und gleichzeitig realistisch ist. Während meiner Praktika in großen Agenturen habe ich das Phänomen auch kennengelernt. Danach war es mir wichtig, einen Arbeitgeber zu finden, der sowas eher locker sieht. Natürlich erwartet jedes Unternehmen tendenziell Loyalität. Ich möchte mich aber nicht im Namen einer Firma selbstverwirklichen, sondern lieber pünktlich nach Hause gehen und mein Engagement auch an andere Dinge als Arbeit verschwenden können. In The Circle ist es dagegen so, dass die Mitarbeiter nach und nach auf das Konzerngelände ziehen, genötigt werden, die Freizeitangebote des Unternehmens wahrzunehmen und ununterbrochen mit den Kollegen über soziale Netzwerke in Verbindung zu stehen. Das alles wird natürlich als große Familie verkauft und mit scheinbar subversiven Zusatzangeboten (Alkohol, Musik) gewürzt, aber: Brrrr. In The Circle ist das Gesamtpaket zwar (hoffentlich) ziemlich überzogen, aber wer weiß schon, wohin sich die Arbeitskultur im Namen von „mehr Menschlichkeit“ noch entwickelt.

Und sonst so:

Absolut fiktiv ist die Einigkeit und positive Grundstimmung, die im The Circle-Universums stets herrscht. Natürlich gibt es auch mal negative User-Kommentare, die beziehen sich dann aber auf Dinge von außerhalb, etwa auf Maes fortschrittsskeptischen Exfreund, der gelegentlich auch zurecht Kritik an der Politik von The Circle äußert. Mein Internet dagegen ist die Heimat der Beschwerde, der Misanthropie und vorsätzlicher Nörgeleien. Wo es früher nur Leserbriefe gab, gibt es heute Tweets und Amazon-Rezensionen, in denen alles irgendwie schlimm gefunden wird, von Asylpolitik in Deutschland bis Kinder mit Bindestrich im Namen. Selbst wenn alle unter Klarnamen schreiben würden, wäre das kein Grund zur Einigkeit und Political Correctness: Siehe Facebook und der Nahost-Konflikt.

The Circle zu lesen war okay, aber auch nicht gerade mein literarisches Highlight. In anderen Rezensionen wird der Roman mit 1984 verglichen, für mich ist es eher Brave New World. Beides wiederum als Dystopien spannend überlegt, literarisch allerdings nur so halb ansprechend. Vor allem Orwells Romane finde ich immer bisschen platt, zu offensichtlich und pädagogisch (Seine Essays und Reportagen dagegen sind großartig.), The Circle lässt sich auch hier eine Verwandtschaft nachsagen. Mehr Can-read als Must-read. Trotzdem schafft es das Buch zumindest für paar Tage, dass man das eigene Verhalten in sozialen Netzwerken bisschen stärker beobachtet: Warum habe ich das jetzt gerade gepostet, wer hat was von meinen Tweets und wen geht das alles überhaupt was an?

Sept. 14

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Sept. 02

Under The Skin

Über Under The Skin kann man eigentlich nicht schreiben (Natürlich mache ich es trotzdem). Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einem Film gesehen habe, der sich nicht in Worte fassen ließ. Vielleicht gibt es wenig Besseres, was sich über Kino sagen lässt.

Nachdem von The Guardian bis NEON eigentlich jeder den Film zumindest erwähnt hat, wissen vermutlich die Meisten, worum es geht: ein Alien hat sich den Körper einer Frau (Scarlett Johansson) angeeignet. Fährt so im Kleinbus durch Schottland, spricht Männer an, nimmt sie mit, lässt sie verschwinden. Darüber hinaus passiert rein narrativ wenig.

Ich kann mir vorstellen, dass jeder den Film für sich interpretiert, immer wieder anders. Für mich ging es in Under The Skin um Einsamkeit. Zumindest anfangs schafft es das fremde Wesen, sich unauffällig zu verhalten. Es fährt Auto, trägt Lippenstift auf, führt Gespräche. Und doch bleibt alles zwischenmenschliche, alles zivilisatorische leeres Ritual. Das Alien sieht, was passiert, erkennt aber keinen Sinn darin. Oder erkennt, dass es keinen Sinn gibt. Erst später, als es hilfloser, verwundbarer ist, beginnt es zu verstehen.

Auch möglich: Selbsterkenntnis als Vorraussetzung, um empfinden zu können. Im Laufe des Films tauchen immer wieder Spiegel auf. Das Alien betrachtet sich darin. Zu erst im Rückspiegel des Autos, später in einem Wandspiegel, der das Gesicht zeigt. Kurz vor dem Ende steht es vor einem Ganzkörperspiegel, nackt. Je mehr es von sich sieht, um so unberechenbarer wird sein Verhalten.

Under The Skin ist langsam, hypnotisch und schön. Für mich ist es ungewöhnlich, dass diese Art Film so lange meine Aufmerksamkeit halten kann: Ich würde ihn sogar wieder sehen.

Aug. 24

“Von meinem Vater muss ich wiederum annehmen, dass er 1977 Rumours gehört und sich gedacht hat, „So, das reicht mir. Genug Musik für mich. Ich bin voll.” —

Dinge, die du erst lernst, wenn deine beiden Eltern tot sind | VICE Deutschland

Soweit einer der bodenständigsten Artikel zum Thema. Was soll man auch sonst machen.

Aug. 19

chimneyfish:

The Expectation, 1936

Richard Oelze

chimneyfish:

The Expectation, 1936

Richard Oelze

Aug. 07

chimneyfish:

Agosta, the Pigeon-Chested Man, and Rasha, the Black Dove, 1929

Christian Schad

Alsways II.

chimneyfish:

Agosta, the Pigeon-Chested Man, and Rasha, the Black Dove, 1929

Christian Schad

Alsways II.

Aug. 03

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

Wie in den letzten Jahren vielleicht öfters erwähnt, hatte ich in meiner Jugend wenig Freunde, im Alter von 12 bis etwa 16 tatsächlich überhaupt niemanden. Die meiste Zeit gab es Klassenkameraden und Nachbarskinder, mit denen ich immerhin zweckmäßig zusammenstehen konnte, die ich aber nie außerhalb von Schule und nachbarlichen Verpflichtungen traf. Zeitweise fielen aber sogar diese oberflächlichen Kontakte weg. Es war ziemlich deprimierend und gerne würde ich behaupten, ich hätte mich bewusst dafür entschieden, alleine zu sein. Im Endeffekt beruhte das Desinteresse zwischen mir und Gleichaltrigen aber auf Gegenseitigkeit und ich vermute, dass dabei sie die Initiative ergriffen hatten und meine Ablehnung nur eine Reaktion darauf war. Wirklich Freundschaften haben sich bei mir erst mit dem Studium entwickelt und auch das erst im Laufe der Semester.

In den letzten Monaten und Jahren habe ich ziemlich viele Menschen kennengelernt: durch verschiedene Jobs und Praktika, über Freunde und an der Uni. Grundsätzlich fällt mir sowas nicht schwer, mit Smalltalk kann ich mich arrangieren, aus kleinlichen Grundsatzdiskussionen halte ich mich raus und einen Mangel an Sympathie lebe ich kaum aktiv aus, sondern gehe der betreffenden Person aus dem Weg. Ich unterhalte mich meist gerne und finde oft auch schwer erträgliche Leute auf einer wissenschaftlichen Ebene tendenziell spannend. Für mich läuft’s irgendwie und für die Menschen, mit denen ich so zu tun habe, scheinbar auch. Zumindest ergeben sich immer wieder Bekanntschaften, die über befristete Jobs und akademische Seminare hinausreichen.

Das “Aber” sind dann aber auch einige dieser Bekanntschaften. Vor paar Tagen ist mir aufgefallen, dass ich seit Jahresanfang etwa eine Handvoll Angebote, kollegiales Miteinander zu vertiefen, abgelehnt habe. Wobei “abgelehnt” es nicht genau trifft, denn ich habe nie konkret abgesagt. Ich habe nur einfach nicht zugesagt. Vor allen Dingen weiß ich aber nicht, wie ich mit solchen Situationen umgehen soll: Kollege oder Kollegin schlägt vor, doch mal in der Freizeit was zu machen, weil ja sicherlich gemeinsame Interessen bestehen (Nein, wir reden hier nicht von Dings.), wir uns also viel zu sagen hätten. In allen aktuellen Fällen sah ich das nicht so. Zwar fand ich diejenige/denjenigen als Kollegen nett und hilfsbereit, aber halt nicht spannend. Oder zumindest nicht so spannend, dass ich eine Verabredungen alternativen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung vorgezogen hätte (Ich bin ein großer Anhänger von quality time mit mir selbst, die ich selten mit anderen Dingen als Büchern, Serien und geografischen Umwegen verbringe).

Mein Mangel an Zuneigung macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich finde mich undankbar, weil ich die Erfahrung gemacht habe, wie es ist, so ohne Freunde und trotzdem Möglichkeiten, neue Freundschaften zu schließen, nicht wahrnehme. Ich hätte definitiv nichts dagegen, noch mehr Menschen zu kennen, mit denen ich mich gerne und exzessiv austausche und regelmäßig Zeit verbringe. Aber dann ist da eben auch diese komplette Lustlosigkeit, die sich als Reaktion auf die ein oder andere Einladung einstellt. Was mich auch überfordert: wie kann ich meine Ablehnung so kommunizieren, dass sie meinem Gegenüber nicht unangenehm ist. “Sorry, aber ich treffe mich grundsätzlich nicht privat mit Kollegen.” ist keine Lösung, wenn der Andere weiß, dass man es doch tut. Nur halt nicht mit ihm. In solchen Fällen wünsche ich mir umfangreiche Benimmregeln zurück, in der subtile Gesten ausreichen, ohne das ich eine Ablehnung aussprechen muss und sie dadurch verbindlich mache. Denn ich rede mir ein, dass es da eine Art soziales Karma gibt und jedes “Nein” dafür sorgt, dass ich für distanziert gehalten und auch von Anderen immer seltener gemeinsame Unternehmungen angetragen bekomme und am Ende wieder das bin, was ich nie wieder sein möchte: einsam.

Juli 12

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Juni 30

“Unter den Vegetariern und Veganern sind danach fast ein Viertel Studierende. Diese haben in der Regel kein Geld für überflüssigen Luxus. Wie die jüngste Sozialerhebung des Studentenwerks ergeben hat, geben sie im Schnitt 165 Euro im Monat für Essen aus.” — Vegan essen: Ein gutes Gewissen hat seinen Preis

Juni 16

Disziplin 2.0

Thema Überwachung. Da bin ich ziemlich schlicht. Die Vorstellungen, der NSA könnte sich durch meine Xing-Newsletter-Kollektion lesen oder Facebook meine Daten an H&M verscherbeln, sind zwar nicht erbaulich. Wirklich Sorge bereitet mir aber eine ganz andere Entwicklung.

Mittlerweile habe ich unheimlich Angst davor, im Nachtbus einzuschlafen. Am Ende sabbere ich mich dabei voll, irgendein adoleszentes Bratz nimmt das Elend mit seinem Not-so-Smartphone auf und am Ende lande ich auf einer Facebook-Seite, die neben unvorteilhaften Fotos auch hämische Kommentare sammelt.

Es gibt ja nicht nur genug Pranger-Seiten über Walmart-Kunden und schlafende Obdachlose, mittlerweile habe ich selbst einige Male erlebt, wie Fremde ungefragt fotografiert oder gefilmt wurden. Bestenfalls weil ihr Style besonders attraktiv war, im Normalfall aber aus dem Gegenteil heraus: Weil sie sich auffällig verhielten. Weil sie dick oder unvorteilhaft gekleidet waren oder eigentümlich vor sich hinstarrten. Weil sie einigermaßen weit entfernt von nüchtern waren und man es ihnen ansah.

Selbst in meiner erlesenen Twitter-Timeline landen immer mal wieder diskrete Aufnahmen von heraushängenden Strings und schlafenden U-Bahn-Fahrgästen.

Darüber, was mit solchen Aufnahmen üblicherweise passiert, habe ich nur abstrakte Vorstellungen. Werden sie am Ende doch nur einfach gelöscht, weil das Motiv mit wenig Abstand nicht mehr allzu spannend ist? Zeigt man sich sowas im Freundeskreis rum? Was davon wird tatsächlich hochgeladen?

Da ich grundsätzlich paranoid bin, fühle ich mich durch die ständige Möglichkeit, fotografiert und ins Netz gestellt zu werden, tatsächlich eingeschränkt. Sich mal richtig abfüllen und dann durch die Innenstadt laufen? Komplett unvorteilhaft und daher exzessiv tanzen? Im Schlafanzug zu Lidl? Nachts im Stadtpark rummachen? Alles mittlerweile keine komplett unbefangenen Vergnügungen mehr.

Technische Voraussetzung und statistische Möglichkeit, dass alles nicht nur dokumentiert, sondern auch weitläufig verbreitet wird und sich meiner Kontrolle und somit auch meines Eingreifens entzieht, sind eine Form der Disziplinierung, bei der Foucault sicherlich sehr, sehr warm ums Herz geworden wäre.

Die Mechanismen dahinter sind eigentlich ziemlich klar. Ungefragt fotografiert werden kaum die schlanken, gepflegten, angemessen gekleideten, sexuell unauffälligen Menschen, die offensichtlich bei geistiger Klarheit sind, sondern halt die Anderen.

Leider ist das Einzige, was man gegen diese Entwicklung tun kann, nicht aktiv mitmachen. Wobei es sich allerdings aus Anstandsgründen von selbst versteht, dass man unbekannte Mitmenschen nicht unbedingt wie Dekokram behandeln muss, den man fürs Privatalbum mal eben so knipst.

Reaktiv ist man, oder zumindest ich, aber trotzdem dabei: durch prophylaktische Anpassung und kompromissbereite Unauffälligkeit.