wondergirl

Okt. 29

“There isn’t someone for everyone. Some of us do wind up alone, and that just fucking sucks and sometimes that stings, and you don’t know if you’re one of those people who’s going to wind up alone until you die alone….So you kind of have to live in hope and build a life for yourself that’s rewarding and fun, has friends and pleasure in it, whether you’re alone or not. Even if you’re with someone, you need to build a life like that, because buses run people over every day. You could be with somebody today and alone tomorrow.” — Dan Savage: Savage Love Episode 306

Okt. 01

Gelesen XX

Stephen Chbosky: The Perks of Being a Wallflower

Hab vor paar Monaten irgendwo den Trailer zur Verfilmung gesehen. Weil ich von Zeit zu Zeit eine Schwäche für High School- und Coming of Age-Stories habe und sich die Sache vielversprechend las, bin ich ihr nachgegangen.

The Perks of Being a Wallflower ist ein Briefroman. Der fünfzehnjährige Einzelgänger Charlie schreibt etwa ein Jahr lang an einen unbekannten, möglicherweise imaginären Adressaten Briefe über seinen Alltag. An der High School lernt Charlie das Stiefgeschwisterpaar Sam und Patrick kennen und freundet sich mit ihnen an. Sie schenken sich gegenseitig Mixtapes, feiern Hauspartys, verlieben sich unglücklich und treten als Rocky Horror Show auf. Also relativ normal für das Genre. Dazwischen werden aber auch immer wieder für Jugendbücher schwierigere Themen wie Suizid, Missbrauch und Drogenkonsum thematisiert. 

The Perks… hätte ich lieber mit 12, 13 oder 14 gelesen, als ich noch nicht ganz so pingelig war, was manche stilistischen Mängel angeht, wie etwa das Namedropping. So bekommt Charlie von einem ihm wohlgesinntem Lehrer ständig Bücher zugewiesen und klar, dass es dann The Catcher in the RyePeter Pan und On the Road sein müssen. Genauso wenig subtil ist der Umstand, dass alle Teenager-Dramen von Gewalt bis Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten 100 Seiten abgehakt werden müssen. Trotz allem hat mir aber die vorsichtig optimistische Grundstimmung gefallen. Obwohl die äußeren Umstände nicht immer dafür sprechen, geht es inThe Perks… um Lebensfreude und das Gefühl, nicht alleine zu sein (und: auch wenn du deine Leute gefunden hast, wird nicht automatisch alles gut).

Sept. 24

Tag 22/09/12

Erste Panikattacke. Höhenangst zu haben ist eigentlich selten ein Thema. Die meisten Situationen lassen sich vermeiden, in dem man nicht Achterbahn fährt oder auf Kirchtürme klettert. Ausgeknockt hat mich der Berliner Hauptbahnhof. Die Bahnsteige oben, an den Stellen, wo zwischen Glasbegrenzung mit Blick bis nach ganz unten und Bahnsteigkante etwa 1,5m liegen. Das sich diese Stelle kaum überqueren lässt, ohne einen Blick zu riskieren, fiel mir erst auf, als ich den halben Weg hinter mir hatte. Besser gesagt: meinem Körper fiel es auf: Schwindelgefühl und Stein auf dem Brustkorb, das Gefühl, jeden Moment zu fallen, dazu das Unvermögen, den Blick irgendwohin zu lenken, wo es harmloser ist. Meine Augen wollten den Abgrund sehen, meine Beine wollten nicht weiter. Um mich zu sammeln, ging ich langsam in die Hocke und tat so, als würde ich meine Schnürsenkel neu verknoten, überlegte. Jemanden um Hilfe bitten? Aber das Einzige, was vielleicht gewirkt hätte, wäre meine Hand nehmen und vorweg gehen. Sowas vom Fremden zu fordern, schien mir fast genauso absurd, wie die ganze Situation. Die Scham über den Kontrollverlust war das Schlimmste.

Sept. 19

Gesehen: Heavy Metal in Baghdad

Zufällig bei 3Sat reingeschaltet und dann hängen geblieben:

Eigentlich ist Heavy Metal blöd und der Irakkrieg auch. Daraus muss man nicht extra noch einen Film machen. Sah Suroosh Alvi allerdings anders: 2003 berichtete er für Vice über Acrassicauda, die erste irakische Heavy Metal-Band. Dann war Krieg, dann Bürgerkrieg. 2006 reiste er erneut nach Bagdad, um zu sehen, was aus der Band geworden ist. Mit dem Resultat, dass Krieg ein Mal mehr nicht durch erschossene Kinder dargestellt wird, sondern durch die alltäglichen Gefahren und Einschränkungen und der daraus resultierenden Langeweile und Unzufriedenheit: Freunde besuchen? - Lebensgefährlich. Nach 18 Uhr raus gehen? - Noch gefährlicher, als der Aufenthalt draußen eh schon ist. Partys und Clubs sind verboten, der Gitarrenladen musste schließen, der Übungskeller, inklusive aller Instrumente, wurde ausgebombt. Das Ganze dann über Jahre, während die Protagonisten doch einfach nur ihre Haare wachsen lassen und headbangen wollen. Krieg gleich schlimm ist selbstverständlich, aber dass dieses “schlimm” plötzlich nicht mehr abstrakt ist, wird in Darstellungen nur selten erreicht. Wenn andere Kriegsfilme oder -reportagen versuchen, mit Blut und Gewalt wachzurütteln, tauchen diese beiden Elemente in Heavy Metal in Baghdad nicht auf. Stattdessen ist der Film unheimlich deprimierend, in dem er zeigt, wie wenig selbstbestimmt und dafür hoffnungslos das Leben der Bandmitglieder ist. Die zweite Hälfte des Films spielt übrigens in Damaskus, wohin Acrassicauda geflüchtet ist/sind. Mittlerweile leben alle in den USA, die Musik ist immer noch nicht gut (weil ja Heavy Metal) und laut Facebookseite haben einige der Musiker jetzt lange Haare. Was bisschen rührend ist, wenn man den Film gesehen hat.

Sept. 12

Bob Dylan, mit Anfang 20 und mit Anfang 70. Sorry, eure Skinny-Jeans und The xx-Platten reichen da nicht ran.

Sept. 08

Tag 08/09/12

Kunde bezahlt 15 Euro für 30 Seiten Fax. Ich frage ihn, warum er nicht lieber eine Mail schickt. Er antwortet mir, dass auf seinem Handydisplay ein Betreiber-Logo ist, dass sich bewegt, wenn er drauf drückt. Was seiner Meinung nach bedeutet, dass der Netzbetreiber durchgehend Zugriff auf sein Handy hat und ständig seine Daten liest. Auch eMail ist deswegen keine sichere Sache. Dass Faxe auf ähnliche Weise übertragen werden, verschweige ich ihm. Er erzählt dafür, dass einer seiner Freunde Mal ein Fax nach Pakistan geschickt hat. Vier Tage soll es gedauert haben, bis es ankam.

Der Kollege kennt den Kunden und seine Theorien schon länger. Meist handelt der Smalltalk mit ihm von radioaktiv bestrahlten Wohnhäusern, manipulierten Rundfunkgeräten und unzuverlässigen Wasserbewegungen beim Klospülen. Der Kollege fast es zusammen: “Und wenn ich drei Mal mit dem Fuß aufstampfe, geht der Fernseher aus!”.

Sept. 04

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Aug. 27

Bin ich real?

Klischee: jemanden aus dem Internet treffen. Statt den taffen, eloquenten oder sexy Menschen, den man erwartet hat, trifft man auf ein Häufchen Elend, das nicht Mal in der Lage ist, Blickkontakt zu halten.

Realität: Ist mir schon passiert. Ist bestimmt schon einigen Menschen mit mir passiert.

Wie schon anderweitig erwähnt, verbrachte ich den Großteil meiner Jugend als ziemliches Opfer. Teils lag es an den sozialen Umständen, teils sicherlich auch an mir. In der Zeit jedenfalls lernte ich, dass es im Zweifelsfall besser war, nicht aufzufallen. Wortmeldungen waren doch nur eine weitere Angriffsfläche. Besser nichts sagen. Zumindest nichts, was von harmlosen, unmissverständlichen Allgemeinplätzen abwich.

Erst durch das Internet und seine Unverbindlichkeit (All glory to the Hypnotoad!) machte ich die Erfahrung, dass andere Menschen meine Äußerungen intelligent, originell oder sympathisch finden können, ganz ohne meine Eltern zu sein.

Zwischen meiner Dorfjugend, dieser Erkenntnis und dem Ist-Zustand liegen 8 bis 10 Jahre, 750km Straße, ein Studium, diverse Jobs und unzählige Bekanntschaften. Positive Erlebnisse gleichen die negativen aus. Ich bin älter geworden und auch bisschen entspannter, außerdem gibt es eine größere Auswahl an Peergroups. Gleichzeitig verschwinden bestimmte Erfahrungen aber auch nicht so einfach von der Festplatte. Wenn ich in eine fremde Gruppe komme, bin ich immer noch sehr vorsichtig. Gruppendynamische Prozesse sind nicht so einfach und wer mag schon Zurückweisungen?

Gegenüber Freunden und Arbeitskollegen bin ich eigentlich so, wie ich mich auch online gebe, im Guten wie im Schlechten. Aber es hat in dem einem Fall ein paar Drinks und in dem anderen Fall ein halbes Jahr gebraucht, bis die Unsicherheit weg war. Bei spontanen Bekanntschaften, etwa auf irgendwelchen Twitter-Meetings, fehlt dafür meist die Zeit und ich bleibe tendenziell eher ruhig und unauffällig. Alter Reflex halt.

Es ist aber nicht nur Unsicherheit. Es ist generell die Frage, wer man eigentlich ist und wie man sich benehmen müsste, damit es authentisch wirkt. Die Sache mit den unterschiedlichen sozialen Rollen ist viel zu bekannt, um sie hier noch Mal auszupacken. Nur: es ist doch einfach so, dass ich mich gegenüber meinen Großeltern anders verhalte, als gegenüber Kommilitonen. Und auf Partys benehme ich mich anders, als beim Bäcker. Jeweils mit der Absicht, die fremden Erwartungen mit meiner eigenen Bequemlichkeit in Einklang zu bringen.

Nichtsdestotrotz bleibt immer etwas Differenz zwischen meinem Würde-ich-gerne und Hat-bessere-Erfolgsaussichten. Vermutlich ist es bei den meisten Menschen nicht anders. Zumindest bei denen, die unter ihresgleichen leben. Die Frage ist nur: ab wann wird die Differenz so groß, dass es nicht mehr authentisch wirkt. Und woran misst man es?

Aug. 15

Brighton 2012

Brighton 2012

Aug. 12

Kinder vs. Karriere

Seit ich meinen Studienabschnitt zu Gender Studies abgeschlossen habe, halte ich zu Feminismus eher Distanz, um es Mal vorsichtig zu formulieren. Die ganze Sache ist etwas komplizierter, vielleicht erläutere ich sie ein anderes Mal, vermutlich aber nicht: Ist auch nicht so spannend. Trotzdem lese ich alle paar Monate Mal ein Buch zum Thema, zuletzt Natasha Walters Living Dolls. Neben ein paar anderen Dingen (Verallgemeinerungen, implizierte Vorstellungen von angemessener Sexualität und Intimität etc.) störte mich vor allem, dass es für Walter scheinbar auch wieder nur zwei mögliche Lebensweisen für Frauen gibt: entweder als Reproduzentin patriarchaler Strukturen, etwa als (unreflektierte) Hausfrau oder Pornodarstellerin oder eben mit eigener Karriere.

Vielleicht bin ich auch einfach zu unsachlich bei dem Thema, weil es mich selbst betrifft. Für mich möchte ich weder das Eine, noch das Andere und schon gar nicht beides. Am liebsten möchte ich natürlich zu Hause bleiben, ganz ohne häusliche Pflichten oder finanzielle Abhängigkeit. In absehbarer Zeit lässt sich sowas aber nur durch einen Eintritt ins Wachkoma verwirklichen. Daher bin ich auf der Suche nach einer weiteren Möglichkeit, eine Lebensgestaltung nach meinen Interessen zu finden. Möglichst wenig Arbeitszeit für ein Einkommen, dass zumindest die Fixkosten abdeckt und ansonsten vor allem Freizeit. Ich bin ein Slacker. Ich möchte beruflich nicht in einer leitenden Position sein und auch nicht nächtelang wach bleiben, damit mich irgendein Vorgesetzter Mal für eines meiner Projekte herzt. 

Das ist natürlich ziemlich naiv. Selbst in den meisten meiner bisherigen Studentenjobs wurde, zumindest der offiziellen Firmenpolitik nach, fast schon privates Engagement und Identifikation mit dem Unternehmen erwartet, egal ob beim Daten eingeben oder Müll sortieren. Das klassische Rumgammeln hinter Tresen schmuddeliger Videotheken und kleiner Bars scheint zu verschwinden. Falls es nicht immer schon eine Urban Legend war. Nicht das ich komplett antriebslos bin: wenn ich arbeite, arbeite ich. Aber ich möchte Arbeit nicht als Lebensmittelpunkt haben. Ich möchte auch keine pauschale Kapitalismuskritik starten. Wer viel leistet und in fachliche Kompetenz oder persönliche Connections investiert, soll meinetwegen auch viel bekommen (Ja, ich weiß, so einfach funktioniert das System nicht, aber darum soll es hier auch nicht gehen.). Ich selbst möchte allerdings nicht viel. Statt viel Geld sind mir Lesen, Ausschlafen und Sex lieber.

Womit wir wieder beim Thema “feministische Literatur” wären. Ich kann mich nicht erinnern, dass in den Büchern oder Artikeln, die ich gelesen habe, Mal ein anderes Konzept als “Erfüllung durch beruflichen Erfolg” vorgestellt wurde. Außer vielleicht bei Valerie Solanas. Muss natürlich nichts heißen, denn so belesen bin ich auf diesem Gebiet auch nicht. Beruflicher Erfolgs als Basis für Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit undsoweiter ist für meinen Geschmack jedenfalls zu protestantisch. Der Stellenwert von Arbeit ist eigentlich ein gesamtgesellschaftliches Thema, aber gerade in Bezug auf Frauen, wo es in den letzten 100 Jahren einige Veränderungen bei der Lebensgestaltung gegeben hat, hätte es doch nahegelegen, nicht einfach bereits vorhandene Ideale zu übernehmen, sondern auch nach Alternativen zu suchen. Das es nicht dazu kam, liegt dann aber auch wieder daran, dass feministische Theoretikerinnen selbst zu der Sorte Frau gehören, die ihre Arbeit erfüllend finden. Für mich jedenfalls ist Selbstverwirklichung durch Arbeit keine allzu ansprechend Option und ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich zu wenig emanzipiert oder einfach nur zu faul bin.