wondergirl

Tag 19/06/13

38°c erinnern an den Sommer, in dem ich hierher zog. Er liegt mittlerweile genau zehn Jahre zurück. Meinen Erinnerungen nach lag ich gefühltermaßen wochenlang im Kinderzimmer meines damaligen Freundes, die Fenster waren verschlossen und abgedunkelt, der Ventilator lief ununterbrochen. Wir verließen es erst nach Einbruch der Dunkelheit, duschten kalt, lebten von Langnese-Eis. Ich kann mich nicht erinnern, dass es im Norden jemals so unerträglich heiß wurde, wie es hier werden kann.

Gesehen: The Great Gatsby

The Great Gatsby ist eines der Bücher, die man gelesen haben muss, die niemanden unberührt lassen. Gilt leider nicht für mich. Alle paar Jahre lese ich die ersten paar Seiten, mal auf Deutsch, mal auf Englisch und verliere dann die Lust. Das ist ein bisschen schade, weil der Klappentext mir grundsätzlich schon zusagt, aber es gibt eben Dinge, die möglicherweise gut sind und mit denen ich trotzdem nicht warm werde. Zum Beispiel David Lynch-Filme und Starkbier. Und eben Fitzgeralds Romanvorlage.

Dagegen habe ich alle Baz Luhrmann-Filme gesehen. Sogar die mit Nicole Kidman, obwohl ich sie vielleicht sogar noch gruseliger finde, als ihren Exmann. Für mich sind die Filme von Luhrmann so, wie 1kg Gummibärchen: bunt und süß bis zum Erbrechen. Und trotzdem kann man nicht aufhören, bis nichts mehr übrig und der Film zu Ende ist. Luhrmann mischt Shakespeare mit Hawaii-Hemden und Fine de Siècle mit Madonna und klar, einerseits weiß ich, dass nicht Mal er es darf, aber er macht es eben und ich finde es gut.

Der The Great Gatsby-Film entspricht ganz dieser Tradition und trotzdem bin ich ein wenig enttäuscht. Wenn The Great Gatsby einem anderen Luhrmann-Film gleicht, dann Moulin Rouge und das leider zu sehr. In The Great Gatsby ist der stille Beobachter und nicht ganz so stille Erzähler Nick Carraway dank Toby Maguires Kindergesicht ungefähr so trollig wie die Künstlertruppe in Moulin Rouge. Immer wieder gibt es Bilder und Kamerafahrten, die einem so bekannt vorkommen, dass man nicht genau weiß, ob es jetzt eine Hommage von Luhrmann an Luhrmann sein soll, oder ob es schlicht Einfallslosigkeit ist, etwa wenn quer durch die Stadt in ein Fenster/von einem Fenster weg gezoomt wird.

Rein narrativ ist die Story vermutlich nah am Roman dran: Erzähler Carraway bezieht ein Häuschen auf Long Island und trifft dort auf seinen pervers reichen Nachbarn Jay Gatsby. Um Gatsbys Existenz gibt es genauso viele Gerüchte wie zur Frage, woher sein Vermögen stammt. Als Carraway Gatsby besser kennenlernt, wird ihm klar, dass es eigentlich nur um eines geht: Carraways Cousine Daisy, reich, verheiratet, von der gegenüberliegenden Seite der Bucht, stand Gatsby einst näher. Weltkrieg und damals vorhandene Klassenunterschiede trieben beide auseinander, dennoch konnte Gatsby sie nicht vergessen.

Wie bereits erwähnt, kenne ich den Roman nicht. Falls Gatsby darin schmierig, Daisy narzisstisch und Carraway geringfügig einfältig dargestellt werden, ist die Umsetzung authentisch. Wirklich Sympathieträger ist im Film jedenfalls niemand, was das Liebesunglück rund um Gatsby, Daisy und allen weiteren Beteiligten etwas schwer mitfühlbar werden lässt. Vielleicht beruht meine Wahrnehmung aber auch nur auf die zunehmende Abneigung gegen Leonarde DiCaprio, der für mich mittlerweile denselben Charme hat, wie die Baldwin-Brüder vor 30 Rock.

Natürlich ist aber auch nicht alles enttäuschend, denn was Lana Del Rey im Soundtrack hat, kann einfach kein schlechter Film sein. An Luhrmann schätze ich schließlich auch die Bereitschaft zum großzügigen Einsatz von Konfetti und davon gibt es genug. Es wird wieder gesungen, gefeiert und getanzt, man trägt Gold und Pailletten, tobt durch die Stadt und betritt Pools grundsätzlich nur vollbekleidet. Trotzdem ist das Staunen darüber nicht mehr ganz so groß, wie bei früheren Filmen Luhrmanns, als alles noch neuer und daher überwältigender erschien.

Gesehen: Ginger & Rosa

Während 1946 in Hiroshima eine Atombombe explodiert, kommen in London Ginger und Rosa zur Welt. Die Mütter freunden sich an, die Töchter werden unzertrennlich. Dann sind sie plötzlich 17 und müssen feststellen, wie verschieden ihre Wünsche und Ziele doch sind. Die kindlicher wirkende Ginger möchte Dichterin werden. Gleichzeitig verfolgt sie aufmerksam die Nachrichtenmeldungen über das nukleare Wettrüsten zwischen USA und Sowjetunion. Sie fürchtet einen Atomkrieg und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Rosa dagegen bleibt teilnahmelos. Zwar begleitet sie Ginger zu pazifistischen Gesprächskreisen und Demonstrationen, schlägt dann aber doch Beten als naheliegendste Maßnahme vor. Während Ginger vom nuklearen Holocaust träumt, hofft Rosa auf die wahre Liebe. Und verliebt sich in Gingers freigeistigen Vater.

Ginger & Rosa ist insofern ein typischer Coming-of-Age-Film, als das er rund um die jungen Hauptfiguren essentielle Fragen behandelt. Vor allem geht es um die Vereinbarkeit von individueller Freiheit mit der Verantwortung gegenüber den Menschen, die einem etwas bedeuten. Ginger etwa bewundert ihren Vater, der während des Zweiten Weltkriegs lieber ins Gefängnis als zum Militär ging. Er ist nicht nur Pazifist, sondern auch antiautoritär, was immer wieder zu Konflikten mit Gingers Mutter führt, die sich Beständigkeit, Sicherheit oder einfach ein funktionales Familienleben wünscht. Sie selbst hat nach Gingers Geburt ihre Leidenschaft, das Malen, aufgegeben, um sich ganz Mann und Tochter widmen zu können. Als der Vater auf Rosas Avancen eingeht, ist Ginger schwer verletzt. Der Vater sieht sich dennoch im Recht und Ginger als Opfer repressiver, bürgerlicher Familienvorstellungen. Als Zuschauer lässt sich kaum sagen, welche Erwartungen eher berechtigt sind.

Ehrlich gesagt hatte ich nach dem Trailer vor allem einen typischen Mädchenfilm erwartet. Vielleicht ein bisschen melancholisch, ansonsten aber harmlos und leicht verdaulich. In Wirklichkeit ist Ginger & Rosa angenehm komplex, ganz ohne Zeigefinger oder Zwang. Filme „mit Message“ geben mir schnell Mal das Gefühl eines Welpen, dessen Schnauze man ins Pfützchen drückt, damit er lernt. Ginger & Rosa beantwortet aber auch keine Frage, sondern stellt sie. Was dann wohl den Unterschied ausmacht. Ansonsten ist er ziemlich großartig besetzt, vor allem durch Elle Fanning, der man so ziemlich alles abnehmen würde, außer dass sie einfach eine Vierzehnjährige ist, die eine Siebzehnjährige spielt. Allein Christine Hendricks als Mutter von Ginger wird nicht so ganz zur britischen Hausfrau, sondern bleibt immer ein wenig sehr Joan Holloway. Was wiederum vielleicht auch am gewohnten 1960er Jahre-Umfeld liegt.

Keep Calm, Carry On

Ein Ex-Kollege erzählte ein Mal, wie er es macht, wenn er Respekt möchte: er bleibt ruhig. Wer auf Stress und Provokationen nicht reagiert, verunsichert seiner Meinung nach den Gegenüber. Wer ruhig ist, kann natürlich einfach nur gelassen sein. Genauso gut ist es aber auch möglich, dass es sich um einen potentiellen Axtmörder handelt, der dann zuschlägt, wenn keiner mit ihm rechnet. Bei jemanden, der außer sich ist, glaubt man zu wissen, woran man ist. Jemand der ruhig ist, bietet mehr Platz für Interpretationen. Der Ex-Kollege war sehr stolz darauf, dass es ihm so oft gelang, seiner Masche treu zu bleiben. Die Pointe ist allerdings, dass er bei Polizeikontrollen grundsätzlich mit vorgehaltener Waffe aus dem Wagen gebeten wird, weil die Polizisten auch nicht verstehen können, warum jemand in so einer Situation keine Miene verzieht.

Mit Kundenkontakt arbeiten kann ich nicht aufgrund eines ausgeprägten Einfühlungsvermögens oder einer grundsätzlich vorhandenen Hilfsbereitschaft. Ich kann es, weil ich ruhig bin. Mit ruhig meine ich nicht schüchtern. Selbst Kollegen, die besser mit Menschen können als ich, neigen gelegentlich dazu, laut zu werden, wenn sie auf besonders begriffsstutzige, pedantische oder überlaunige Kunden treffen. Mir selbst ist das noch nie passiert. Unzulängliche und unzufriedene Menschen verstehe ich zu gut, Lautwerden halte ich für ein Zeichen von schlechten Umgangsformen und nehme es nicht persönlich. Erfahrungsgemäß beruhigen sich die meisten Kunden schnell, wenn man ignoriert, dass sie es nicht schon die ganze Zeit sind. Unter Dienstleistern und Servicepersonal gibt es aber auch die Theorie, dass manche Kunden Widerstand wollen und brauchen. Ein verbaler Fight Club zum unbeschwerten Austoben, danach dann business as usual.

Ich weiß nicht, wann ich mich privat das letzte Mal gestritten habe. Der sachliche Austausch differenzierter Meinungen gehört für mich nicht dazu. Von anderen Arten negativer Gefühlsausbrüche muss ich nicht erst schreiben. Allein der Gedanke daran, jemandem “Fick dich!” ins Gesicht zu sagen, erinnert mich an die Jerry Springer-Show. Streit ist tatsächlich nichts, was ich suche. Aber manchmal wünsche ich mir, es wäre möglich. Manchmal gibt es Situationen und Verhaltensweisen, vor allem mit und von Menschen, die mir nahe stehen, bei denen ich gerne einen Szene machen möchte. Mit Schreien und Kreischen, Tränen und zerbrochenem Geschirr. Es einmal rauslassen, zeigen, wie ungerecht ich mich behandelt fühle und wie wichtig der Andere für mich ist. Denn nur sehr wenige Menschen können extreme Emotionen in mir hervorrufen. Nur: es würde sich für mich falsch anfühlen. Ich bleibe ruhig und kann nur hoffen, dass es nicht als Gleichgültigkeit verstanden wird.

Vorfreude auf Hemlock Grove. Zu Weihnachten wünsche ich mir Netflix.

Schema F

Wir haben einen Lebensmittelskandal. Anders als bei Salmonellen im Hühnerfleisch und Würmern in Fischen kann man zu Pferden in Lasagne unterschiedlicher Meinung sein. Angeblich ist der Verbraucher entsetzt, aber der Einzige, bei dem ich bisher gelesen habe, dass er das Ganze eher unappetitlich findet, ist der BILD-Wagner. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass es um eine Art kulinarischen Third-Person-Effekt geht: Menschen gehen davon aus, dass andere Menschen sich vor Pferdefleisch ekeln. Ihnen selbst ist es aber eher tendenziell egal. Hack sieht nun Mal aus wie Hack.

Weil das Thema Fleischkonsum wieder Mal angesagt ist, tauchen entsprechend viele Artikel dazu auf, im Wirtschaftsteil genauso wie im Feuilleton. Im Wirtschaftsteil geht es vor allem darum, woher das Fleisch kommt. Falls jemand noch nicht wusste, dass Tiere geschlachtet werden, weiß er es jetzt. Im Feuilleton dagegen geht es eher um Lifestyle. Es soll ja angeblich Leute geben, die kein Fleisch essen und davon gibt es immer mehr. Das ist natürlich okay und gesund, so lange man es nicht übertreibt oder schwanger oder zwei Jahre alt ist. So der durchschnittliche Artikel zum Thema und durchschnittlich sind da fast alle. Was soll man sonst auch zu Vegetarismus oder Veganismus schreiben?

Und unter diesen Artikeln gibt es dann wieder die Standarddiskussion. Vegetarier fänden es generell gut, gäbe es noch mehr von ihnen. Fleischesser fühlen sich dadurch bedroht. Fleischesser fangen an zu argumentieren, dass Vegetarismus und Veganismus nicht gesünder sind, als gelegentlicher und kontrollierter (Als ob!) Fleischgenuss. Vegetarismus wird allerdings in eher wenigen Fällen durch gesundheitliche Überlegungen verursacht. Statt auf dieses Missverständnis hinzuweisen, lassen sich Vegetarier und Veganer auf Diskussionen zu Eiweißmangel und B12-Supplementen ein. Und weil es dazu ungefähr 2342 unterschiedliche Studien und ernährungswissenschaftliche Empfehlungen gibt, kann jeder seine individuelle Meinung wissenschaftlich untermauern und am Ende ist niemand zufrieden.

Ich habe keine genauen Vorstellungen darüber, was passieren muss, damit jemand von der Überlegung, dass Tiere essen schon irgendwie seltsam ist, zum praktizierten Vegetarismus übergeht. Allerdings schätze ich, dass bestimmte Erfahrungen effektiver sind, als eine rein diskursive Auseinandersetzung. Niemand lässt sich gerne von Anderen erzählen, dass seine Lebensführung unvernünftig bis unmoralisch ist. Auf eigene Einsichten reagiert man weit anfälliger. Wie sicher bereits irgendwo erwähnt, habe ich selbst aufgehört Fleisch zu essen, als ich für ein Unternehmen gearbeitet habe, dass für die Qualitätssicherung bei Mastbetrieben und Schlachthöfen zuständig war. 

Tag 09/02/11

Das Jahr, in dem ich Fasching feierte:

Wie bereits öfters subtil angedeutet, bin ich im Nordosten des Landes aufgewachsen. Ihr kennt es als das Gebiet hinter der großen Mauer, dort, wo die Wildlinge wohnen. Fasching spielte bei uns kaum eine Rolle. An einem Abend im Februar versammelte sich der volljährige Teil der Gemeinschaft in kostümierter Form in einem der verbliebenen Kulturhäuser. Dort gab es dann Tanzmusik (wasauchimmer) und die Frau des Bäckers landete auf dem Schoß des Bürgermeisters und am nächsten Montag war wieder alles vergessen. Alles in allem kurz und schmerzlos. Bestimmt gibt es irgendwo einen Paläoanthropologen, der genau weiß, warum Karneval in Vorpommern nicht wichtig ist.

Auch Frankfurt ist nicht gerade das Rheinland. Es gibt hier zwar von Prunksitzungen über Umzüge bis Faschingspartys genug Möglichkeiten, sich selbstzuverwirklichen, aber man kann der Sache auch ohne Umstände zu haben aus dem Weg gehen. In den letzten Jahren hätte ich jedenfalls von der Faschingszeit nicht viel mitbekommen, wenn da nicht Freundin N. gewesen wäre. N. hatte sich angewöhnt, kompromisslos als total slut loszuziehen und suchte Begleitung. Sie schwärmte vor, wie einfach es wäre, in dieser Atmosphäre Leute kennenzulernen, stürzte dann mit einem Krokodil ab und ich nahm mir auch für das folgende Jahr vor, nicht mitzukommen. 

Im vergangenen November war es ein bisschen anders. Mir kamen Zweifel. Nicht weil mir menschlicher Körperkontakt fehlte, mein Trinkverhalten eskalierte oder ich plötzlich gefallen daran gefunden hatte, mich zu verkleiden. Im Gegenteil, Letzteres stellte noch das größte “Aber” dar. Zu den verwirrendstes Erinnerungen aus meiner Studienzeit gehört eine private Kostümparty, für die Politikstudenten sich Filz auf die nackten Füße klebten, um als Hobbit durchzugehen. Verkleiden schien mit immer als belastender Dratseilakt zwischen Genie und Wahnsinn zu sein. Mit starker Tendenz in eine Richtung.

Viel wahrscheinlicher hat das “Vielleicht” zum Karneval mit der altersbedingt zunehmenden Uncoolness zu tun. Im Laufe des letzten Jahres wurde mir immer gleichgültiger, ob eine bestimmte Rocklänge zu kurz für meine dicken Beine ist. Ich fand mich auf dem Hip-Hop-Floor wieder. Ich trank Vodka mit Fruchtaromen. Der Schritt bis Karneval war plötzlich nicht mehr so groß. Außerdem kann ich mich als angehende Philosophin-Schrägstrich-Sozialwissenschaftlerin im Nachhinein für ziemlich viel vor mir selber rechtfertigen, in dem ich mir einrede, dass mein Interesse wissenschaftlich war.

Die Begleitung und ich entschieden uns für eine Veranstaltung im universitären Umfeld. Der Rest ist unspektakulär. Alkoholkonsum und Kontaktfreude waren minimal größer als auf gängigen Studentenpartys. Die Musik war durchschnittlich wie immer. Höchstens die Sache mit den Kostümen hätte einen Unterschied machen können, allerdings gab es auch da wenig, was ich nicht schon an Kommilitonen außerhalb der Karnevalszeit gesehen habe. Nur venezianische Masken, die Billy-Regale des Dresscode-Partys, konnten sich in Seminaren und Vorlesungen bisher nicht durchsetzen. Unterm Strich lässt sich die Sache mit dem Fasching in dieser Form wieder machen. Lediglich Prunksitzungen und Umzüge hebe ich mir noch ein Weilchen auf.

Gesehen: Spring Breakers

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Sieht den Pressefotos nach erst ein Mal so aus, als würde es sich um American Pie, Teil 27 handeln. Davon sollte man sich nicht unbedingt abschrecken lassen, denn hinter Spring Breakers steckt Harmony Korine, der auch an den Drehbüchern zu Kids und Ken Park mitschrieb. 

Vier Freundinnen aus Kindertagen haben genug davon, immer nur die gleichen Leute, die selben Vorlesungen und öden Wohnheimflure zu sehen. Sie überfallen ein Restaurant und setzen sich mit der Beute zum Spring Break nach Florida ab. Dort geraten sie an den White Trash-Gangster Alien, für dessen Zwecke sie sich ziemlich bereitwillig einspannen lassen. Vielleicht lässt er sich auch von ihnen einspannen. Aber eigentlich ist das auch nicht entscheidend.

Spring Breakers handelt vom Eskapismus, dem jeder irgendwo nachhängt. Man muss kein Freud-Leser sein, um zu wissen, dass es als Mensch unter Menschen eher selten einfach ist. Und während die einen sich mit einem Buch einschließen, meditieren oder Bergwanderungen machen, ziehen sich die Spring Breakers-Mädchen Sturmhauben über die Köpfe und lassen sich von Alien in Kreise einführen, vor denen ihre Mütter sie gewarnt hätten.

Es ist allerdings auch nicht so, dass die Pressefotos Dinge versprechen, die sie nicht einhalten. Natürlich ist Spring Breakers keine reine Metapher für das Leben in der Zivilisation und seine Missstände. Es geht auch um Freundschaft, Jugend und Exzess. Dieses Mal zur erfreulichen Abwechslung nicht in Form einer maskulin besetzten Buddy-Komödie, sondern in weiblich. Da dann auch mit wenig Bekleidung, allerdings ist es auch so nicht wahnsinnig ungewöhnlich oder abwegig, wenn sich Frauen um die 20 sexuell ansprechend inszenieren (lassen).

Immer wieder hört man die Protagonistinnen mit den Daheimgebliebenen telefonieren. Ihren Müttern und Freundinnen erzählen sie, wie wunderbar sie sich selbstfinden und wie besonders die Menschen sind, die sie während ihres Trips treffen. Parallel zu diesen Telefonaten werden Bilder gezeigt, nach denen die Mädchen mehr und mehr eskalieren. Aus Alkohol wird Kokain, aus Sex werden Raubüberfälle. Während die Begleitung die Redundanz bemängelte, erinnerten mich diese Wiederholungen eher an einen Refrain. 

Auch die wenig komplexe Handlung macht aus den Film zu einem Lied. Vielleicht eine Gangsterballade, ein bisschen melancholisch, ein bisschen wild, oft auch kitschig, etwa wenn Alien am Flügel Britney Spears-Titel nachspielt und singt. Ästhetischer Trash, gepaart mit einer Erzählung, die sich nur scheinbar auf den ersten Blick erfassen lässt, machen den Film für mich interessant. Das Ende verweist erneut darauf, dass alles nur eine eskapistische Phantasie ist, die nur die sich leisten können, die noch über ein andere Leben verfügen. Der Rest bleibt auf der Strecke.

(Ganz offiziell läuft Spring Breakers zum 21.3. an.)