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Keep Calm, Carry On

Ein Ex-Kollege erzählte ein Mal, wie er es macht, wenn er Respekt möchte: er bleibt ruhig. Wer auf Stress und Provokationen nicht reagiert, verunsichert seiner Meinung nach den Gegenüber. Wer ruhig ist, kann natürlich einfach nur gelassen sein. Genauso gut ist es aber auch möglich, dass es sich um einen potentiellen Axtmörder handelt, der dann zuschlägt, wenn keiner mit ihm rechnet. Bei jemanden, der außer sich ist, glaubt man zu wissen, woran man ist. Jemand der ruhig ist, bietet mehr Platz für Interpretationen. Der Ex-Kollege war sehr stolz darauf, dass es ihm so oft gelang, seiner Masche treu zu bleiben. Die Pointe ist allerdings, dass er bei Polizeikontrollen grundsätzlich mit vorgehaltener Waffe aus dem Wagen gebeten wird, weil die Polizisten auch nicht verstehen können, warum jemand in so einer Situation keine Miene verzieht.

Mit Kundenkontakt arbeiten kann ich nicht aufgrund eines ausgeprägten Einfühlungsvermögens oder einer grundsätzlich vorhandenen Hilfsbereitschaft. Ich kann es, weil ich ruhig bin. Mit ruhig meine ich nicht schüchtern. Selbst Kollegen, die besser mit Menschen können als ich, neigen gelegentlich dazu, laut zu werden, wenn sie auf besonders begriffsstutzige, pedantische oder überlaunige Kunden treffen. Mir selbst ist das noch nie passiert. Unzulängliche und unzufriedene Menschen verstehe ich zu gut, Lautwerden halte ich für ein Zeichen von schlechten Umgangsformen und nehme es nicht persönlich. Erfahrungsgemäß beruhigen sich die meisten Kunden schnell, wenn man ignoriert, dass sie es nicht schon die ganze Zeit sind. Unter Dienstleistern und Servicepersonal gibt es aber auch die Theorie, dass manche Kunden Widerstand wollen und brauchen. Ein verbaler Fight Club zum unbeschwerten Austoben, danach dann business as usual.

Ich weiß nicht, wann ich mich privat das letzte Mal gestritten habe. Der sachliche Austausch differenzierter Meinungen gehört für mich nicht dazu. Von anderen Arten negativer Gefühlsausbrüche muss ich nicht erst schreiben. Allein der Gedanke daran, jemandem “Fick dich!” ins Gesicht zu sagen, erinnert mich an die Jerry Springer-Show. Streit ist tatsächlich nichts, was ich suche. Aber manchmal wünsche ich mir, es wäre möglich. Manchmal gibt es Situationen und Verhaltensweisen, vor allem mit und von Menschen, die mir nahe stehen, bei denen ich gerne einen Szene machen möchte. Mit Schreien und Kreischen, Tränen und zerbrochenem Geschirr. Es einmal rauslassen, zeigen, wie ungerecht ich mich behandelt fühle und wie wichtig der Andere für mich ist. Denn nur sehr wenige Menschen können extreme Emotionen in mir hervorrufen. Nur: es würde sich für mich falsch anfühlen. Ich bleibe ruhig und kann nur hoffen, dass es nicht als Gleichgültigkeit verstanden wird.

09:59 pm, BY wgirl[4 Anmerkungen]

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Vorfreude auf Hemlock Grove. Zu Weihnachten wünsche ich mir Netflix.

09:50 pm, BY wgirl

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Schema F

Wir haben einen Lebensmittelskandal. Anders als bei Salmonellen im Hühnerfleisch und Würmern in Fischen kann man zu Pferden in Lasagne unterschiedlicher Meinung sein. Angeblich ist der Verbraucher entsetzt, aber der Einzige, bei dem ich bisher gelesen habe, dass er das Ganze eher unappetitlich findet, ist der BILD-Wagner. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass es um eine Art kulinarischen Third-Person-Effekt geht: Menschen gehen davon aus, dass andere Menschen sich vor Pferdefleisch ekeln. Ihnen selbst ist es aber eher tendenziell egal. Hack sieht nun Mal aus wie Hack.

Weil das Thema Fleischkonsum wieder Mal angesagt ist, tauchen entsprechend viele Artikel dazu auf, im Wirtschaftsteil genauso wie im Feuilleton. Im Wirtschaftsteil geht es vor allem darum, woher das Fleisch kommt. Falls jemand noch nicht wusste, dass Tiere geschlachtet werden, weiß er es jetzt. Im Feuilleton dagegen geht es eher um Lifestyle. Es soll ja angeblich Leute geben, die kein Fleisch essen und davon gibt es immer mehr. Das ist natürlich okay und gesund, so lange man es nicht übertreibt oder schwanger oder zwei Jahre alt ist. So der durchschnittliche Artikel zum Thema und durchschnittlich sind da fast alle. Was soll man sonst auch zu Vegetarismus oder Veganismus schreiben?

Und unter diesen Artikeln gibt es dann wieder die Standarddiskussion. Vegetarier fänden es generell gut, gäbe es noch mehr von ihnen. Fleischesser fühlen sich dadurch bedroht. Fleischesser fangen an zu argumentieren, dass Vegetarismus und Veganismus nicht gesünder sind, als gelegentlicher und kontrollierter (Als ob!) Fleischgenuss. Vegetarismus wird allerdings in eher wenigen Fällen durch gesundheitliche Überlegungen verursacht. Statt auf dieses Missverständnis hinzuweisen, lassen sich Vegetarier und Veganer auf Diskussionen zu Eiweißmangel und B12-Supplementen ein. Und weil es dazu ungefähr 2342 unterschiedliche Studien und ernährungswissenschaftliche Empfehlungen gibt, kann jeder seine individuelle Meinung wissenschaftlich untermauern und am Ende ist niemand zufrieden.

Ich habe keine genauen Vorstellungen darüber, was passieren muss, damit jemand von der Überlegung, dass Tiere essen schon irgendwie seltsam ist, zum praktizierten Vegetarismus übergeht. Allerdings schätze ich, dass bestimmte Erfahrungen effektiver sind, als eine rein diskursive Auseinandersetzung. Niemand lässt sich gerne von Anderen erzählen, dass seine Lebensführung unvernünftig bis unmoralisch ist. Auf eigene Einsichten reagiert man weit anfälliger. Wie sicher bereits irgendwo erwähnt, habe ich selbst aufgehört Fleisch zu essen, als ich für ein Unternehmen gearbeitet habe, dass für die Qualitätssicherung bei Mastbetrieben und Schlachthöfen zuständig war. 

02:11 pm, BY wgirl[4 Anmerkungen]

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Tag 09/02/11

Das Jahr, in dem ich Fasching feierte:

Wie bereits öfters subtil angedeutet, bin ich im Nordosten des Landes aufgewachsen. Ihr kennt es als das Gebiet hinter der großen Mauer, dort, wo die Wildlinge wohnen. Fasching spielte bei uns kaum eine Rolle. An einem Abend im Februar versammelte sich der volljährige Teil der Gemeinschaft in kostümierter Form in einem der verbliebenen Kulturhäuser. Dort gab es dann Tanzmusik (wasauchimmer) und die Frau des Bäckers landete auf dem Schoß des Bürgermeisters und am nächsten Montag war wieder alles vergessen. Alles in allem kurz und schmerzlos. Bestimmt gibt es irgendwo einen Paläoanthropologen, der genau weiß, warum Karneval in Vorpommern nicht wichtig ist.

Auch Frankfurt ist nicht gerade das Rheinland. Es gibt hier zwar von Prunksitzungen über Umzüge bis Faschingspartys genug Möglichkeiten, sich selbstzuverwirklichen, aber man kann der Sache auch ohne Umstände zu haben aus dem Weg gehen. In den letzten Jahren hätte ich jedenfalls von der Faschingszeit nicht viel mitbekommen, wenn da nicht Freundin N. gewesen wäre. N. hatte sich angewöhnt, kompromisslos als total slut loszuziehen und suchte Begleitung. Sie schwärmte vor, wie einfach es wäre, in dieser Atmosphäre Leute kennenzulernen, stürzte dann mit einem Krokodil ab und ich nahm mir auch für das folgende Jahr vor, nicht mitzukommen. 

Im vergangenen November war es ein bisschen anders. Mir kamen Zweifel. Nicht weil mir menschlicher Körperkontakt fehlte, mein Trinkverhalten eskalierte oder ich plötzlich gefallen daran gefunden hatte, mich zu verkleiden. Im Gegenteil, Letzteres stellte noch das größte “Aber” dar. Zu den verwirrendstes Erinnerungen aus meiner Studienzeit gehört eine private Kostümparty, für die Politikstudenten sich Filz auf die nackten Füße klebten, um als Hobbit durchzugehen. Verkleiden schien mit immer als belastender Dratseilakt zwischen Genie und Wahnsinn zu sein. Mit starker Tendenz in eine Richtung.

Viel wahrscheinlicher hat das “Vielleicht” zum Karneval mit der altersbedingt zunehmenden Uncoolness zu tun. Im Laufe des letzten Jahres wurde mir immer gleichgültiger, ob eine bestimmte Rocklänge zu kurz für meine dicken Beine ist. Ich fand mich auf dem Hip-Hop-Floor wieder. Ich trank Vodka mit Fruchtaromen. Der Schritt bis Karneval war plötzlich nicht mehr so groß. Außerdem kann ich mich als angehende Philosophin-Schrägstrich-Sozialwissenschaftlerin im Nachhinein für ziemlich viel vor mir selber rechtfertigen, in dem ich mir einrede, dass mein Interesse wissenschaftlich war.

Die Begleitung und ich entschieden uns für eine Veranstaltung im universitären Umfeld. Der Rest ist unspektakulär. Alkoholkonsum und Kontaktfreude waren minimal größer als auf gängigen Studentenpartys. Die Musik war durchschnittlich wie immer. Höchstens die Sache mit den Kostümen hätte einen Unterschied machen können, allerdings gab es auch da wenig, was ich nicht schon an Kommilitonen außerhalb der Karnevalszeit gesehen habe. Nur venezianische Masken, die Billy-Regale des Dresscode-Partys, konnten sich in Seminaren und Vorlesungen bisher nicht durchsetzen. Unterm Strich lässt sich die Sache mit dem Fasching in dieser Form wieder machen. Lediglich Prunksitzungen und Umzüge hebe ich mir noch ein Weilchen auf.

11:47 pm, BY wgirl[2 Anmerkungen]

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Gesehen: Spring Breakers

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Sieht den Pressefotos nach erst ein Mal so aus, als würde es sich um American Pie, Teil 27 handeln. Davon sollte man sich nicht unbedingt abschrecken lassen, denn hinter Spring Breakers steckt Harmony Korine, der auch an den Drehbüchern zu Kids und Ken Park mitschrieb. 

Vier Freundinnen aus Kindertagen haben genug davon, immer nur die gleichen Leute, die selben Vorlesungen und öden Wohnheimflure zu sehen. Sie überfallen ein Restaurant und setzen sich mit der Beute zum Spring Break nach Florida ab. Dort geraten sie an den White Trash-Gangster Alien, für dessen Zwecke sie sich ziemlich bereitwillig einspannen lassen. Vielleicht lässt er sich auch von ihnen einspannen. Aber eigentlich ist das auch nicht entscheidend.

Spring Breakers handelt vom Eskapismus, dem jeder irgendwo nachhängt. Man muss kein Freud-Leser sein, um zu wissen, dass es als Mensch unter Menschen eher selten einfach ist. Und während die einen sich mit einem Buch einschließen, meditieren oder Bergwanderungen machen, ziehen sich die Spring Breakers-Mädchen Sturmhauben über die Köpfe und lassen sich von Alien in Kreise einführen, vor denen ihre Mütter sie gewarnt hätten.

Es ist allerdings auch nicht so, dass die Pressefotos Dinge versprechen, die sie nicht einhalten. Natürlich ist Spring Breakers keine reine Metapher für das Leben in der Zivilisation und seine Missstände. Es geht auch um Freundschaft, Jugend und Exzess. Dieses Mal zur erfreulichen Abwechslung nicht in Form einer maskulin besetzten Buddy-Komödie, sondern in weiblich. Da dann auch mit wenig Bekleidung, allerdings ist es auch so nicht wahnsinnig ungewöhnlich oder abwegig, wenn sich Frauen um die 20 sexuell ansprechend inszenieren (lassen).

Immer wieder hört man die Protagonistinnen mit den Daheimgebliebenen telefonieren. Ihren Müttern und Freundinnen erzählen sie, wie wunderbar sie sich selbstfinden und wie besonders die Menschen sind, die sie während ihres Trips treffen. Parallel zu diesen Telefonaten werden Bilder gezeigt, nach denen die Mädchen mehr und mehr eskalieren. Aus Alkohol wird Kokain, aus Sex werden Raubüberfälle. Während die Begleitung die Redundanz bemängelte, erinnerten mich diese Wiederholungen eher an einen Refrain. 

Auch die wenig komplexe Handlung macht aus den Film zu einem Lied. Vielleicht eine Gangsterballade, ein bisschen melancholisch, ein bisschen wild, oft auch kitschig, etwa wenn Alien am Flügel Britney Spears-Titel nachspielt und singt. Ästhetischer Trash, gepaart mit einer Erzählung, die sich nur scheinbar auf den ersten Blick erfassen lässt, machen den Film für mich interessant. Das Ende verweist erneut darauf, dass alles nur eine eskapistische Phantasie ist, die nur die sich leisten können, die noch über ein andere Leben verfügen. Der Rest bleibt auf der Strecke.

(Ganz offiziell läuft Spring Breakers zum 21.3. an.)

01:05 am, BY wgirl[1 Anmerkung]

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(aus: The Perks of Being a Wallflower)

(aus: The Perks of Being a Wallflower)

(via suicideblonde)

11:43 am, BY wgirl[293.407 Anmerkungen]

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Lesen als Distinktion

Alle halbe Jahre taucht in meiner Timeline ein Tweet mit folgender Aussage auf: Wenn du das erste Mal bei einem Typen zu Hause bist und er keine Bücher hat, dann hau sofort ab und lauf, so schnell du kannst. Dazu fällt mir dann immer nichts, bzw. ziemlich viel ein.

Gegen Nicht-Leser gibt es vermutlich vor allem folgende Vorurteile: sie sind dumm, weil ihnen einfach viel Faktenwissen, aber auch Elemente der Allgemeinbildung verloren gehen. Sie sind phantasielos, weil sie nicht die Muße haben, sich in eine fiktive Welt hineinzuversetzen. Ihnen fehlt es an Einfühlungsvermögen, weil Romane und Autobiografien schließlich eine Möglichkeit sind, die Welt aus anderen Perspektiven kennenzulernen.

Die Zahl der Bücher, die ich in einem Jahr lese, liegt im mittleren zweistelligen Bereich. Ungefähr 50% davon sind Krimis und Fantasyromane, Ratgeber und Chick flicks. Ich kann mir vorstellen, dass es bei anderen regelmäßigen Lesern ähnlich aussieht. Zumindest demnach, was ich bei Goodreads mitbekomme. Das Argument “Lesen bildet” lässt sich nur so halbwegs rechtfertigen. Natürlich nehme ich viel aus Büchern mit, aber oft sind es Dinge, die ich mir auch auf anderen Wegen aneignen könnte, etwa durch Reisen, Zeitungsartikel und Fernsehsendungen.

Bildung, die man sich eigentlich nur als Leser aneignen kann, etwa die Fähigkeit, Anspielungen auf literarische Klassiker zu verstehen, hat in meinem Alltag eher wenig Aufgaben. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal außerhalb akademischer Erfordernisse einen Philosophen zitiert habe oder etwas “brechtianisch” fand. Nicht dass ich dieses Wissen wertlos finde. Es verhält sich damit nur ähnlich, wie mit Jugendstilmöbeln. Kulturell von Bedeutung, vielleicht ästhetisch interessant, zum Sitzen reicht aber auch ein IKEA-Sofa.

Die letzten beiden Männer, mit denen ich ernsthafter zu tun hatte, waren keine großen Leser. Bei dem Einem war es gelegentlich Mal eine Biografie und ansonsten Der Spiegel, beim Anderen Thriller und die FAZ. Überraschenderweise kamen wir sehr gut mit einander aus. Sie erkannten die doppelten Böden in meinen Äußerungen, hatten Meinungen zum Zeitgeschehen, die sie auch begründen konnten und waren emphatisch, soweit Menschen es für einander sein können. Dass wir nicht Austen-Romane besprechen konnten, war bei keinem von ihnen Grund, die Romanze zu beenden.

Es kann natürlich auch angenehm sein, sich über Literatur, die einen gerade beschäftigt, auszutauschen, sonst gäbe es weder die User-Rezensionen bei Amazon, noch Goodreads. Aber ich muss es nicht zwangsläufig mit meinen romantischen Interessen unter einen Hut bekommen. Da sind mir andere Sachen wichtiger, etwa ein gewisses Maß an sozialer Kompetenz und Eloquenz. Zwei Dinge, die Menschen auch ganz gut ohne Bücher lernen, etwa im alltäglichen Miteinander.

Nicht zuletzt stört mich an den Vorurteilen gegenüber Nicht-Lesern der milde Klassismus, der dabei mitschwingt. Literarische Bildung ist kulturelles Kapital. Wer nicht, oder nicht ausreichend, belesen ist, gehört nicht dazu. Ist also entweder einer von der Sorte, die mehr wert auf - wie oberflächlich - materielle Dinge legt oder einfach jemand, der in kultureller Hinsicht unter einem steht. Unter Nicht-Lesern stellt man sich vielleicht potentielle Frauentausch-Teilnehmerinnen und Profifussballspieler vor. Nicht die klugen und interessanten Leute, die es auch sein können.

12:15 pm, BY wgirl[12 Anmerkungen]

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Nesthäkchen und der Südseekönig

Auch wenn eigentlich schon alle Meinungen zum Thema Südseekönig geäußert worden sind, beschäftigt es mich doch irgendwie. Vor allem wohl deswegen, weil es mir schwer fällt, mir darüber selbst eine Meinung zu bilden. 

Gegen den Versuch, Rassismus zu dezimieren, in dem bestimmte Worte gestrichen oder ersetzt werden, spricht meine Erfahrung. Als Kind habe ich nicht nur Astrid Lindgren und Mark Twain gelesen, wo es jede Menge “Neger” gibt und wo bekanntlich Rassismus vorkommt, ohne das er durch eine explizite Wortwahl auf den Punkt gebracht werden muss. Neben Lindgren und Twain habe ich auch gerne die alten Kinderbücher meiner Eltern gelesen. Die meines Vaters, direkt aus der Nachkriegszeit und die meiner Mutter, eindeutig sozialistisch geprägt. Ich fand die Geschichten nicht besser oder schlechter als das, was es in moderneren Büchern gab. Vor allem aber war mir bereits sehr früh bewusst, dass Kinderbücher eine zeitliche Dimension haben. So wie mir klar war, dass man die Angehörigen unterschiedlicher Schulformen nicht mehr anhand ihrer Mützen erkennt oder dass wir am 1. Mai nicht mehr die sowjetische Fahne auspacken, war mir immer auch klar, dass bestimme Ausdrücke (und Ansichten) in der Gegenwart einfach keinen Platz mehr haben. Trotzdem hat es mir nicht geschadet, diese Ausdrücke zu kennen. Was meiner Meinung nach auch Vorraussetzung ist, um etwas bewusst nicht zu sagen. Unterm Strich lässt mich die Südseekönig-Diskussion weniger an der PCness heutiger Eltern, sondern an der Intelligenz heutiger Kinder zweifeln.

Für Umänderung älterer Kinderbücher spricht, dass es nicht unüblich ist. Meine Großmutter schenkte mir die einigermaßen unsägliche Nesthäkchen-Reihe, Band für Band. Wer sich den Wikipedia-Eintrag dazu durchliest, erfährt nicht nur Düsteres aus meiner Vergangenheit, sondern auch einiges zum Thema Zensur von Kinderbüchern. Zum Beispiel wurde nach 1945 ein kompletter Band der Reihe weggelassen, da er den Ersten Weltkrieg aus Sicht einer patriotischen Zeitgenossin beschreibt. Aber auch die Tatsache, dass die weibliche Hauptfigur ihren eigenen Kindern ab und zu einen Satz heiße Ohren verpasst, schien irgendwann nicht mehr angemessen. Der Qualität der Reihe hat es vermutlich nicht sonderlich geschadet, zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass es davor weniger kitschig war. Als zehnjährige Leserin habe ich auch nicht die Anlässe vermisst, mich mit dem Ersten Weltkrieg und Ohrfeigen auseinander zu setzen. Dafür gab es genug andere Gelegenheiten. Allerdings weiß ich nicht, ob etwas, nur weil es nicht schadet, auch automatisch nutzt. Verschrobene Ansichten und grobe Wortwahl kamen in meiner Kindheit nicht aus Büchern, sondern vom Schulhof.

08:46 pm, BY wgirl[3 Anmerkungen]

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Gesehen: Anna Karenina

Irgendwann möchte ich noch Mal was über meine guilty pleasures, was Filme angeht, schreiben und Kostümfilme gehören definitiv dazu. Ich stehe sehr darauf, wenn das Setting vollgestopft mit Krempel ist, die Damen Kleider tragen, die ich mir alleine nicht Mal vorstellen könnte und der soziale Background der Handlung macht, dass englischer Landadel im 19. Jahrhundert zur einzigen angemessenen Berufsoption wird. Anna Karenina befriedigt diese Vorlieben vollkommen: es gibt Uniformen und Bälle, Tratsch und Intrigen, die allein durch Blicke weitergetragen werden. In weiten Teilen findet die Handlung auf Theaterbühnen statt, die sich wiederum in Modelleisenbahnlandschaften und Opernhäuser verwandeln. Das Ganze dann sogar, ohne das es überambitioniert wirkt. Ja, rein optisch war Anna Karenina schon sehr beeindruckend.

Leider: nach einer Stunde hofft man trotzdem langsam, dass sie bald Mal vor den Zug springt. Um festmachen zu können, woran das liegt, hätte ich vielleicht den Roman lesen sollen. Meiner Theorie nach schlägt hier der Madame Bovary-Effekt zu: die Hauptfigur (und damit meine ich tatsächlich Anna Karenina und nicht Keira Knightley) ist trotz ihres Elends auf eine Art und Weise inkompetent bis nervig, dass man mit der Zeit das Interesse daran verliert, wie ihre Geschichte endet.

Vermutlich Kinder ihrer Zeit, oder zumindest nach Blick des Autors auf seine Zeitgenossen, sind Ehebrecherinnen oft auf ebendiese Rolle beschränkt. Über Anna Karenina erfährt man sonst wenig, nur, dass sie ihren Mann hintergeht. Ihre ganze Persönlichkeit wird, zumindest im Film, darauf ausgerichtet: wie sie anfangs versucht, sich Graf Wronskij zu entziehen. Wie sie ihm nachgibt. Wie sie schließlich beginnt, an ihm zu zweifeln. Sie erschafft sich ihr eigenes Drama, wälzt sich darin herum, ist erfüllt davon. Dadurch wird sie zu einer der Bekanntschaften, die jeder hatte oder hat: die überwiegend mit Selbstmitleid von sich selbst erzählen. Denen geht man auch lieber aus dem Weg.

09:31 pm, BY wgirl[3 Anmerkungen]

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Tag 10/01/13

Ein Traum: ich bin frisch geduscht, meine Haare sind noch nass, um den Kopf trage ich ein Handtuch. Ich betrachte mein Gesicht, nicht im Spiegel, sondern durch das Objektiv einer Kamera. Auf der Haut bilden sich Unebenheiten, aus den Unebenheiten werden Beulen. Die Beulen fangen an zu verlaufen, nach unten zu tropfen, bis ich aussehe, als hätte Francis Bacon mich gemalt.

In einem anderen Traum gibt mir eine Professorin meine Magisterarbeit zurück. Aus irgendeinem Grund handelt es sich dabei nicht um einen Text über eine philosophische Fragestellung, sondern um Aufgaben aus dem Geometrie-Unterricht. Die Pyramiden und Dreiecke habe ich scheinbar freihändig, mit einem Kugelschreiber, gezeichnet. Die Linien sind mehrfach, was sie noch unordentlicher aussehen lässt. Ich habe nicht bestanden.

08:32 pm, BY wgirl[3 Anmerkungen]