wondergirl

2004 forever

Gefühltermaßen bin ich 94% der Zeit meines Erwachsenenlebens entweder auf Wohnungs- oder auf Jobsuche. Da ich nichts gelernt habe, was ich meiner Oma in zwei Sätzen erklären könnte, geht es für mich beruflich mehr und mehr Richtung Was-mit-Schreiben-und-Social-Media-und-so. Den Fuß in die Tür hab ich erstmals bekommen, in dem ich meine Blog- und Twitter-Aktivitäten offensiv erwähnt habe. Was mir komplett unangenehm war, denn ich fühlte mich dadurch in der Beweispflicht. Und ehrlich gesagt ist weder mein Tumblr, noch mein Twitter-Account etwas, was ich im professionellen Kontext auspacken würde.

Dabei gebe ich mir gelegentlich Mühe, nur Dinge zu schreiben, die mich nicht allzu sehr in Verlegenheit bringen würden. Und das finde ich ziemlich schade, denn eigentlich war das Netz für mich immer ein Raum großer Freiheit. Etwas, in dem ich auch mal vulgär, gehässig oder – noch schlimmer – langweilig sein konnte, ohne dass es existenzielle Konsequenzen hatte.

Mittlerweile geht das nicht mehr. Nicht nur aus professioneller Berechnung, auch weil Social Media (zum Glück) kein elitäres Randgruppenphänomen mehr ist. Für mich gibt es zwar noch die Online- und die Offline-Freunde, aber eben mit Überschneidungen: Kommilitonen folgen mir auf Instagram, Freundes-Freunde auf Twitter, Twitter-Bekannte kommen zu meiner Geburtstagsfeier und auf Facebook ist sowieso jeder. Überall gibt es das Risiko, dass etwas, was von mir nur beiläufig, aus Geschwätzigkeit oder der Pointe wegen, gepostet wird, für Andere Anlass ist, um besorgt nachzufragen, beleidigt zu sein oder das TMI-Schild hochzuhalten. Da hilft dann auch kein Darktwitter, denn da sind am Ende auch nur Leute, die ich kenne.

Manchmal bin ich schon ein bisschen nostalgisch, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es vor 10 Jahren tatsächlich entspannter war, oder ich einfach nur naiver. Auf jeden Fall denke ich, dass ich nicht so geworden wäre, wie ich jetzt bin, hätte es die Anonymität damals nicht gegeben. Im Netz habe ich mich getraut, ehrlich zu sein. Und dabei gemerkt, dass ich gar nicht so kryptisch und speziell bin, wie ich befürchtet habe. Im Gegenteil, es gab ziemlich viele Menschen, die mich verstanden oder zumindest mir gegenüber offen waren. Die erkannten, wann ich etwas ironisch meinte und worum es mir eigentlich ging. Diese Erfahrung hat mich ermutigt, auch in der Echtwelt mehr zu riskieren.

Heute würde ich behaupten, dass die Differenz, zwischen meiner Selbstdarstellung online und meinem Verhalten offline, ziemlich klein ist. Ich bin auch gegenüber Kollegen und Freunden gelegentlich launig oder eloquent,  kommuniziere offener meine eigenen Unzulänglichkeiten und schäme mich seltener für meine Ansichten. Auf Anonymität, um mich authentischer verhalten zu können, bin ich immer weniger angewiesen. Und trotzdem finde ich sie nach wie vor wichtig, als soziales Labor und als  Unverbindlichkeit, was ich zwar beides kaum noch brauche, was mir aber doch zur Verfügung stehen soll.

Gesehen: Don Jon

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Jon Martello (Joseph Gordon-Levitt) ist ein junger Mann wie aus JERSEY SHORE. Er liebt seinen Körper, sein Auto, seine Bude, seine Kumpels, seine Eroberungen, seine Familie, seine Kirche und Onlinepornografie. Mit letzterer wird es schwierig, als er auf Barbara (Scarlett Johansson) trifft und beschließt, weil die Zeit reif und sie auf seiner Ratingscala eine glatte 10 ist, sich auf eine Beziehung einzulassen.

Jon wird von seinen Jungs nicht ohne Grund „Don Jon“ genannt. Unter dem Einfluss von Barbara ändert sich sein Leben. Statt um die Häuser zu ziehen, verbringt er seine Zeit jetzt mit ihr und die Footballübertragungen im Fernsehen werden zu Abendschulkursen. Barbara möchte die perfekte Beziehung und die ist für sie nur möglich, wenn Jon was aus sich macht. Was dagegen überhaupt nicht geht: Lügen und Pornos. Jon kann zwar auf einiges verzichten, bei seinen Lieblingsclips hört es aber auf und so findet er Wege, Pornos zu gucken, ohne das seine Freundin davon erfährt. Auch deswegen kommt er während seines Abendschulkurses mit der älteren Esther (Juliane Moore) ins Gespräch.

Auf den ersten Blick wirkt DON JON wie eine ziemlich schlimme Buddy-Komödie oder eine Männersindsofrauensindso-Geschichte. Jon und seine Kumpels wirken wie gute Gründe, sich nicht bei McFit anzumelden, während Barbara aussieht, als wären Gelnägel ihre persönliche Erfindung. Aber bald wird klar, wie parodistisch der Film stellenweise angelegt ist, etwa wenn Schlüsselszenen regelmäßig wiederholt werden. So die Art, wie Jon Frauen aufreißt, sein wöchentlicher Gang zur Kirche, inklusive anschließender Beichte oder das Geräusch, wenn sein Rechner hochfährt.

Unter der prolligen Schale steckt bei DON JON ein sanfter Kern. Durch Esther erkennt Jon die Nebenwirkungen seiner Sehgewohnheiten. Dass Pornos für ihn besser sind als echter Sex, hat er bereits selbst festgestellt. Wie sehr ihn seine Erwartungen von realen Erlebnissen distanzieren, merkt er erst nach und nach. Aber nicht nur Jon scheitert an der Wirklichkeit. Barbaras Beziehungsvorstellungen wurden ebenfalls durch Filme geprägt, in dem Fall allerdings Hollywooddramen mit Happy End. Dass Jon seine Wohnung am liebsten selber putzt und als Barkeeper ganz zufrieden ist, passt da nicht ins Konzept. Dafür, dass er für sie sein Leben nicht komplett aufgeben möchte, hat sie kein Verständnis.

DON JON ist Kulturindustrie-Theorie für Leute mit Undercut. Ohne es komplett abwertend zu meinen. Auch mit ein wenig mehr Erfahrung ist es ganz interessant, gelegentlich darüber nachzudenken, wie sehr das eigene Handeln durch Medien beeinflusst wird und DON JON stiftet dazu an. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Pornografie, dennoch frage ich mich, welche Vorstellungen ich von Sex hätte, gäbe es sie nicht. Und auch: ist kritischer, distanzierter Medienkonsum überhaupt möglich?

Gut gelöst ist auch das Filmende: ein gutes. Trotzdem bricht es mit den Erwartungen des Mainstreamkinogängers. Und mit denen von Jons Eltern.

Gesehen: 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse

Kam in den letzten Jahren selten vor, dass mir nach einem Kinobesuch vor Lachen das Gesicht weh tat. Ansonsten ist es kein Film, über den sich schreiben lässt. Zumindest nicht im üblichen Vokabular, das nach konstanter Handlung, komplexen Charakteren und sowas wie Spannungsaufbau fragt. Nur kurz: ich bin eigentlich kein Helge Schneider-Fan. Heranwachsende haben ja immer so Phasen, in denen sie zwanghaft Komiker und Filme nachsprechen müssen. In meiner Peer Group kam irgendwann, zwischen Otto Waalkes und Das Leben des Brian, Helge Schneider dran. Noch heute Falle ich als Reaktion auf ein fröhlich geschmettertes “Telefonmann!” in einen Sekundenschlaf. Seine Filme, soweit gesehen, mochte ich aber immer sehr. 

Tag 07/07/13

In der Straßenbahn lese ich Rolf Dobellis Die Kunst des klugen Handelns fertig. Guckt man sich den Lebenslauf des Autors an, ahnt man, für welche Sorte Mensch das Buch gedacht ist. Dennoch ist es nicht uninteressant. Ein Abschnitt handelt davon, dass man News vermeiden sollte. Keine Zeitschrift und kein SpiegelOnline, keine Nachrichten in Radio oder Fernsehen. Erstmal klingt es wissensfeindlich, dann fällt mir auf, dass ich es selbst längst ähnlich handhabe, wenn auch nicht zu 100% konsequent. Es hat mich müde gemacht, pro Tag geschätzt eine Stunde damit zu verbringen, wo welches Flugzeug abgestürzt ist oder was welcher Politiker zu welcher Quote gesagt hat. Es ist kein reines Desinteresse, Bücher und Hintergrundberichte lese ich nach wie vor regelmäßig und mit Informationsgewinn (so wie auch Dobelli es empfiehlt). Nachrichten haben für mich jedoch immer mehr was von einem Mini-Shitstorm. 

Tag 04/07/13

Einmal hatte ich eine Verabredung. Wir tranken Milchkaffee und er erzählte, woher er kam.  Von seinen Eltern, die türkische Gastarbeiter waren und ihn zum Bildungsaufsteiger werden ließen. Er fragte nach meinem Hintergrund. Meine Eltern sind beide Akademiker, trotzdem hatten wir nie viel Geld. Mein Vater zahlte keinen Unterhalt, meine Mutter arbeitete in einem Beruf, für den sie keine Qualifikation besaß. Ihr Stundenlohn ist so hoch wie das, was ich in meinen Studentenjobs verdiene. Das ich immerhin kulturelles Kapital mitbekam, war mir egal, als ich mit 12 ganz materielle Wünsche hatte: selbstausgesuchte Klamotten, Reitstunden oder den Schüleraustausch nach England. Meine Verabredung fand die Vorraussetzung gut: “Du hast Hunger. Aus dir wird was.”. Aber warum sollte ich mich ausgerechnet dafür entscheiden, mehr zu wollen? Kann es nicht genauso gut sein, dass man lernt, sich abzufinden, keine Ansprüche zu stellen und nichts zu erwarten, schon gar nicht von einem selbst?

Tag 20/06/13

Als der Dozent, für ein Gedankenexperiment, wissen wollte, wer von uns Studierenden verheiratet ist. Und sich von den etwa 20 Leuten im Raum eine Handvoll meldete. Auf Arbeit dasselbe. Die Besten sind verheiratet. Oder zumindest in sehr, sehr langen Beziehungen. Mit 25, höchstens 30. Nur ich, ich bin seit Jahren Single. Zusammen mit den Hyperaktiven, den Ungewaschenen und dem Typen, der mit 30 noch bei seinen Eltern wohnt. Fühlt sich in schlechten Momenten an wie Stuhltanz.

Tag 19/06/13

38°c erinnern an den Sommer, in dem ich hierher zog. Er liegt mittlerweile genau zehn Jahre zurück. Meinen Erinnerungen nach lag ich gefühltermaßen wochenlang im Kinderzimmer meines damaligen Freundes, die Fenster waren verschlossen und abgedunkelt, der Ventilator lief ununterbrochen. Wir verließen es erst nach Einbruch der Dunkelheit, duschten kalt, lebten von Langnese-Eis. Ich kann mich nicht erinnern, dass es im Norden jemals so unerträglich heiß wurde, wie es hier werden kann.

Gesehen: The Great Gatsby

The Great Gatsby ist eines der Bücher, die man gelesen haben muss, die niemanden unberührt lassen. Gilt leider nicht für mich. Alle paar Jahre lese ich die ersten paar Seiten, mal auf Deutsch, mal auf Englisch und verliere dann die Lust. Das ist ein bisschen schade, weil der Klappentext mir grundsätzlich schon zusagt, aber es gibt eben Dinge, die möglicherweise gut sind und mit denen ich trotzdem nicht warm werde. Zum Beispiel David Lynch-Filme und Starkbier. Und eben Fitzgeralds Romanvorlage.

Dagegen habe ich alle Baz Luhrmann-Filme gesehen. Sogar die mit Nicole Kidman, obwohl ich sie vielleicht sogar noch gruseliger finde, als ihren Exmann. Für mich sind die Filme von Luhrmann so, wie 1kg Gummibärchen: bunt und süß bis zum Erbrechen. Und trotzdem kann man nicht aufhören, bis nichts mehr übrig und der Film zu Ende ist. Luhrmann mischt Shakespeare mit Hawaii-Hemden und Fine de Siècle mit Madonna und klar, einerseits weiß ich, dass nicht Mal er es darf, aber er macht es eben und ich finde es gut.

Der The Great Gatsby-Film entspricht ganz dieser Tradition und trotzdem bin ich ein wenig enttäuscht. Wenn The Great Gatsby einem anderen Luhrmann-Film gleicht, dann Moulin Rouge und das leider zu sehr. In The Great Gatsby ist der stille Beobachter und nicht ganz so stille Erzähler Nick Carraway dank Toby Maguires Kindergesicht ungefähr so trollig wie die Künstlertruppe in Moulin Rouge. Immer wieder gibt es Bilder und Kamerafahrten, die einem so bekannt vorkommen, dass man nicht genau weiß, ob es jetzt eine Hommage von Luhrmann an Luhrmann sein soll, oder ob es schlicht Einfallslosigkeit ist, etwa wenn quer durch die Stadt in ein Fenster/von einem Fenster weg gezoomt wird.

Rein narrativ ist die Story vermutlich nah am Roman dran: Erzähler Carraway bezieht ein Häuschen auf Long Island und trifft dort auf seinen pervers reichen Nachbarn Jay Gatsby. Um Gatsbys Existenz gibt es genauso viele Gerüchte wie zur Frage, woher sein Vermögen stammt. Als Carraway Gatsby besser kennenlernt, wird ihm klar, dass es eigentlich nur um eines geht: Carraways Cousine Daisy, reich, verheiratet, von der gegenüberliegenden Seite der Bucht, stand Gatsby einst näher. Weltkrieg und damals vorhandene Klassenunterschiede trieben beide auseinander, dennoch konnte Gatsby sie nicht vergessen.

Wie bereits erwähnt, kenne ich den Roman nicht. Falls Gatsby darin schmierig, Daisy narzisstisch und Carraway geringfügig einfältig dargestellt werden, ist die Umsetzung authentisch. Wirklich Sympathieträger ist im Film jedenfalls niemand, was das Liebesunglück rund um Gatsby, Daisy und allen weiteren Beteiligten etwas schwer mitfühlbar werden lässt. Vielleicht beruht meine Wahrnehmung aber auch nur auf die zunehmende Abneigung gegen Leonarde DiCaprio, der für mich mittlerweile denselben Charme hat, wie die Baldwin-Brüder vor 30 Rock.

Natürlich ist aber auch nicht alles enttäuschend, denn was Lana Del Rey im Soundtrack hat, kann einfach kein schlechter Film sein. An Luhrmann schätze ich schließlich auch die Bereitschaft zum großzügigen Einsatz von Konfetti und davon gibt es genug. Es wird wieder gesungen, gefeiert und getanzt, man trägt Gold und Pailletten, tobt durch die Stadt und betritt Pools grundsätzlich nur vollbekleidet. Trotzdem ist das Staunen darüber nicht mehr ganz so groß, wie bei früheren Filmen Luhrmanns, als alles noch neuer und daher überwältigender erschien.

Gesehen: Ginger & Rosa

Während 1946 in Hiroshima eine Atombombe explodiert, kommen in London Ginger und Rosa zur Welt. Die Mütter freunden sich an, die Töchter werden unzertrennlich. Dann sind sie plötzlich 17 und müssen feststellen, wie verschieden ihre Wünsche und Ziele doch sind. Die kindlicher wirkende Ginger möchte Dichterin werden. Gleichzeitig verfolgt sie aufmerksam die Nachrichtenmeldungen über das nukleare Wettrüsten zwischen USA und Sowjetunion. Sie fürchtet einen Atomkrieg und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Rosa dagegen bleibt teilnahmelos. Zwar begleitet sie Ginger zu pazifistischen Gesprächskreisen und Demonstrationen, schlägt dann aber doch Beten als naheliegendste Maßnahme vor. Während Ginger vom nuklearen Holocaust träumt, hofft Rosa auf die wahre Liebe. Und verliebt sich in Gingers freigeistigen Vater.

Ginger & Rosa ist insofern ein typischer Coming-of-Age-Film, als das er rund um die jungen Hauptfiguren essentielle Fragen behandelt. Vor allem geht es um die Vereinbarkeit von individueller Freiheit mit der Verantwortung gegenüber den Menschen, die einem etwas bedeuten. Ginger etwa bewundert ihren Vater, der während des Zweiten Weltkriegs lieber ins Gefängnis als zum Militär ging. Er ist nicht nur Pazifist, sondern auch antiautoritär, was immer wieder zu Konflikten mit Gingers Mutter führt, die sich Beständigkeit, Sicherheit oder einfach ein funktionales Familienleben wünscht. Sie selbst hat nach Gingers Geburt ihre Leidenschaft, das Malen, aufgegeben, um sich ganz Mann und Tochter widmen zu können. Als der Vater auf Rosas Avancen eingeht, ist Ginger schwer verletzt. Der Vater sieht sich dennoch im Recht und Ginger als Opfer repressiver, bürgerlicher Familienvorstellungen. Als Zuschauer lässt sich kaum sagen, welche Erwartungen eher berechtigt sind.

Ehrlich gesagt hatte ich nach dem Trailer vor allem einen typischen Mädchenfilm erwartet. Vielleicht ein bisschen melancholisch, ansonsten aber harmlos und leicht verdaulich. In Wirklichkeit ist Ginger & Rosa angenehm komplex, ganz ohne Zeigefinger oder Zwang. Filme „mit Message“ geben mir schnell Mal das Gefühl eines Welpen, dessen Schnauze man ins Pfützchen drückt, damit er lernt. Ginger & Rosa beantwortet aber auch keine Frage, sondern stellt sie. Was dann wohl den Unterschied ausmacht. Ansonsten ist er ziemlich großartig besetzt, vor allem durch Elle Fanning, der man so ziemlich alles abnehmen würde, außer dass sie einfach eine Vierzehnjährige ist, die eine Siebzehnjährige spielt. Allein Christine Hendricks als Mutter von Ginger wird nicht so ganz zur britischen Hausfrau, sondern bleibt immer ein wenig sehr Joan Holloway. Was wiederum vielleicht auch am gewohnten 1960er Jahre-Umfeld liegt.