Im Sommer zum ersten Mal seit 10 Jahren die Schwestern meines Vaters getroffen. Irritiert gewesen, dass sie noch leben. Natürlich nicht rational. Seine Existenz ist für mich mittlerweile sehr abstrakt. Ungefähr wie das Mittelalter oder Beatniks. Es gab ihn. Aber es ist so fern, wie eine andere Generation oder eine andere Epoche. Seine Schwestern, die gedanklich zu ihm gehören, sind da. Er nicht.
Vor allem seine ältere Schwester sieht ihm sehr ähnlich. Ich mag beide Schwestern und beide überfordern mich. Wir sind einander fremd, es ist sehr mühsam. Sie kennen möchte ich schon. Diese Wissen-woher-man-kommt-Sache, die sich eigentlich nicht wirklich erklären lässt, ohne aufs ebenso unvernünftige “Blut ist dicker als Wasser” zurückzugreifen.
Nach dem Treffen im Sommer kam jedenfalls der Vorsatz, mich öfters bei ihnen zu melden. Dabei nicht gleich bedacht, wie schwierig es eigentlich ist, mit jemanden zu kommunizieren, der gleichzeitig fremd und verwandt ist. Was ist zu unpersönlich? Was ist indiskret? Bevor ich demnächst in ihrer Stadt bin, brauche ich Stunden, um per Mail ein Treffen vorzuschlagen.