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Tag 08/03/11

Ja, sie hätten Sojamilch da und es freut mich, denn in Frankfurt ist das nach wie vor kein Standard. Wenn ich nach Sojamilch frage, fühle ich mich immer noch ein wenig wie ein Möchtegern-Hipster, der aus jedem Stadtteilcafé Starbucks machen will. Als der Milchkaffee kommt liegt auf dem Unterteller der obligatorische Keks. Vermutlich einer, auf dessen Verpackung “Gebäckmischung Exquisit” oder so stand. Also ein ganz normaler. Mit Milch und Ei. Oder zumindest Vollmilchpulver und Eiweiß aus Ei. Ich trinke den Kaffee und esse schließlich auch den Keks. Weil er schon mal dort liegt und sie ihn wohl kaum zurück nehmen würden. Wo er letzten Endes landet ist jetzt auch egal. Wobei: hätte man mir zum Kaffee ein Stück Speck gereicht, hätte ich es trotzdem nicht in den Mund nehmen wollen: das Abstraktionsvermögen reicht nicht mehr aus, zu verdrängen, was es eigentlich ist.

Die Umstellung dahin, nur noch vegan zu essen, ging weit schneller als erwartet. Abgesehen von dem Keks wüsste ich spontan nicht, wann ich das letzte Mal etwas mit Ei und Milch gegessen habe.  Also mit dem Wissen, dass Ei und Milch enthalten sind. Vielleicht Ende Januar, die eine Tafel Milka. Als ich Vegetarierin wurde, hat die Umstellung sicherlich ein Jahr gedauert. Im Gegensatz zu der Fleisch-Sache (Wobei: man sollte ja niemals “nie” undsoweiter…) kann ich mir vorstellen, Ausnahmen zu machen. Eben dieser eine Keks. Oder Käse aus dem Demeterbetrieb, für den meine Mutter arbeitet. Dringend ist es allerdings nicht. Dazu dann auch die Frage, ob ich es langfristig noch kann.

Als Vegetarierin war ich in den ersten Jahren gründlich: Vegetarismus war nicht selbstverständlich, sondern eine Frage der Disziplin. Was sich dann soweit selbstständig machte, dass ich es unappetitlich fand, wenn Fleisch, Wurst, Fisch im selben Kühlschrank aufbewahrt wurden wie die Dinge, die ich aß. Für ein Seminar an der Uni laß ich Ausschnitte aus Peter Bergers “Lob des Zweifels”. Berger ist Religionssoziologe, “Lob des Zweifels” handelt vom religiösen Pluralismus, der global so weit verbreitet ist wie die Säkularisierungsthese unter linken Intellektuellen (Zumindest bis vor paar Jahren, aber darum soll es hier nicht gehen.). Einen großen Teil nimmt in “Lob des Zweifels” der religiöse Fundamentalismus ein. Laut Berger entsteht Fundamentalismus dort, wo dem Glauben die Sicherheit fehlt: dort, wo die Alternativen (Freiheit, Fernsehen, andere Religionen) spannender werden, aber auch bei Konvertiten. Wo Religiosität selbstverständlich ist, kann auch mal über die Strenge geschlagen werden. Wo Selbstverständlichkeit fehlt, braucht es wiederum Regeln, um sich vom falschen Lebenswandel abzusetzen.

So ähnlich war es auch mit Vegetarismus. Aus Angst vor Rückfällen musste die Distanz zur “alten” Lebensweise möglichst groß sein. Geschmacklich war Fleisch schon in Ordnung, ein “Keine Lust darauf” hätte es nicht getan. Stattdessen regelmäßig daran denken, was Fleisch überhaupt ist. Mit der Zeit ist es bisschen einfacher. Nicht, dass ich Fleisch essen würde, aber man macht sich einfach weniger Gedanken. Alles ist Routine. Aber alles ist auch Routine, weil man es eingeübt hat. Was aus der Veganismus-Sache wird, weiß ich nicht. Beim Keks war da ein Zögern. Nach dem letzten Käsebrot ein schlechtes Gewissen. So lange ich hinter her unzufrieden bin, bringen mir Ausnahmen eher nichts.

02:56 am, BY wgirl[2 Anmerkungen]

  1. von wgirl gepostet