wondergirl

Gesehen: Anna Karenina

Irgendwann möchte ich noch Mal was über meine guilty pleasures, was Filme angeht, schreiben und Kostümfilme gehören definitiv dazu. Ich stehe sehr darauf, wenn das Setting vollgestopft mit Krempel ist, die Damen Kleider tragen, die ich mir alleine nicht Mal vorstellen könnte und der soziale Background der Handlung macht, dass englischer Landadel im 19. Jahrhundert zur einzigen angemessenen Berufsoption wird. Anna Karenina befriedigt diese Vorlieben vollkommen: es gibt Uniformen und Bälle, Tratsch und Intrigen, die allein durch Blicke weitergetragen werden. In weiten Teilen findet die Handlung auf Theaterbühnen statt, die sich wiederum in Modelleisenbahnlandschaften und Opernhäuser verwandeln. Das Ganze dann sogar, ohne das es überambitioniert wirkt. Ja, rein optisch war Anna Karenina schon sehr beeindruckend.

Leider: nach einer Stunde hofft man trotzdem langsam, dass sie bald Mal vor den Zug springt. Um festmachen zu können, woran das liegt, hätte ich vielleicht den Roman lesen sollen. Meiner Theorie nach schlägt hier der Madame Bovary-Effekt zu: die Hauptfigur (und damit meine ich tatsächlich Anna Karenina und nicht Keira Knightley) ist trotz ihres Elends auf eine Art und Weise inkompetent bis nervig, dass man mit der Zeit das Interesse daran verliert, wie ihre Geschichte endet.

Vermutlich Kinder ihrer Zeit, oder zumindest nach Blick des Autors auf seine Zeitgenossen, sind Ehebrecherinnen oft auf ebendiese Rolle beschränkt. Über Anna Karenina erfährt man sonst wenig, nur, dass sie ihren Mann hintergeht. Ihre ganze Persönlichkeit wird, zumindest im Film, darauf ausgerichtet: wie sie anfangs versucht, sich Graf Wronskij zu entziehen. Wie sie ihm nachgibt. Wie sie schließlich beginnt, an ihm zu zweifeln. Sie erschafft sich ihr eigenes Drama, wälzt sich darin herum, ist erfüllt davon. Dadurch wird sie zu einer der Bekanntschaften, die jeder hatte oder hat: die überwiegend mit Selbstmitleid von sich selbst erzählen. Denen geht man auch lieber aus dem Weg.