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Nesthäkchen und der Südseekönig

Auch wenn eigentlich schon alle Meinungen zum Thema Südseekönig geäußert worden sind, beschäftigt es mich doch irgendwie. Vor allem wohl deswegen, weil es mir schwer fällt, mir darüber selbst eine Meinung zu bilden. 

Gegen den Versuch, Rassismus zu dezimieren, in dem bestimmte Worte gestrichen oder ersetzt werden, spricht meine Erfahrung. Als Kind habe ich nicht nur Astrid Lindgren und Mark Twain gelesen, wo es jede Menge “Neger” gibt und wo bekanntlich Rassismus vorkommt, ohne das er durch eine explizite Wortwahl auf den Punkt gebracht werden muss. Neben Lindgren und Twain habe ich auch gerne die alten Kinderbücher meiner Eltern gelesen. Die meines Vaters, direkt aus der Nachkriegszeit und die meiner Mutter, eindeutig sozialistisch geprägt. Ich fand die Geschichten nicht besser oder schlechter als das, was es in moderneren Büchern gab. Vor allem aber war mir bereits sehr früh bewusst, dass Kinderbücher eine zeitliche Dimension haben. So wie mir klar war, dass man die Angehörigen unterschiedlicher Schulformen nicht mehr anhand ihrer Mützen erkennt oder dass wir am 1. Mai nicht mehr die sowjetische Fahne auspacken, war mir immer auch klar, dass bestimme Ausdrücke (und Ansichten) in der Gegenwart einfach keinen Platz mehr haben. Trotzdem hat es mir nicht geschadet, diese Ausdrücke zu kennen. Was meiner Meinung nach auch Vorraussetzung ist, um etwas bewusst nicht zu sagen. Unterm Strich lässt mich die Südseekönig-Diskussion weniger an der PCness heutiger Eltern, sondern an der Intelligenz heutiger Kinder zweifeln.

Für Umänderung älterer Kinderbücher spricht, dass es nicht unüblich ist. Meine Großmutter schenkte mir die einigermaßen unsägliche Nesthäkchen-Reihe, Band für Band. Wer sich den Wikipedia-Eintrag dazu durchliest, erfährt nicht nur Düsteres aus meiner Vergangenheit, sondern auch einiges zum Thema Zensur von Kinderbüchern. Zum Beispiel wurde nach 1945 ein kompletter Band der Reihe weggelassen, da er den Ersten Weltkrieg aus Sicht einer patriotischen Zeitgenossin beschreibt. Aber auch die Tatsache, dass die weibliche Hauptfigur ihren eigenen Kindern ab und zu einen Satz heiße Ohren verpasst, schien irgendwann nicht mehr angemessen. Der Qualität der Reihe hat es vermutlich nicht sonderlich geschadet, zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass es davor weniger kitschig war. Als zehnjährige Leserin habe ich auch nicht die Anlässe vermisst, mich mit dem Ersten Weltkrieg und Ohrfeigen auseinander zu setzen. Dafür gab es genug andere Gelegenheiten. Allerdings weiß ich nicht, ob etwas, nur weil es nicht schadet, auch automatisch nutzt. Verschrobene Ansichten und grobe Wortwahl kamen in meiner Kindheit nicht aus Büchern, sondern vom Schulhof.

08:46 pm, BY wgirl[3 Anmerkungen]

  1. von wgirl gepostet