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Gesehen: True Blood

Eigentlich wollte ich schon länger mal über True Blood schreiben. Aber dann war es mir immer ein bisschen zu peinlich, eine Vampirserie gut zu finden. Wobei gut finden hier auch stark untertrieben ist. Jedenfalls heftet trotz Buffy Vampiren immer der Verdacht an, dass es sich mit ihnen ähnlich verhält, wie mit Pferden. Also eine Art Jungsersatz. Freud weiß bestimmt wieso. Problem Nummer zwei ist die Tatsache, dass ich gar nicht so einfach in Worte fassen kann, warum ich True Blood zumindest soweit schätze, dass ich mir bereits 4 Monate vor Beginn einer neuen Staffel die Nägel abkaue. Es sind etwa 567 Kleinigkeiten, die kaum miteinander in Verbindung stehen.

Also von Anfang an: True Blood spielt in einer fiktiven Kleinstadt in Louisiana. Durch die Erfindung eines synthetischen Ersatzblutes sind Vampire (Haha, der Satz klingt so absurd, dass ich es sogar beim Schreiben merke) mittlerweile in der Lage, zu überleben ohne Menschen beissen zu müssen. Jetzt kämpfen sie um soziale Akzeptanz und die Möglichkeit, ein friedliches Post-Leben führen zu können, ohne damit rechnen zu müssen, hinterrücks gepfählt zu werden. Das Ganze ist gar nicht so einfach, denn Vampire sind nicht einfach Vampire: klar gibt es einerseits den bürgerlichen Zweig, der Häuser kaufen und Restaurants besuchen will, ohne misstrauisch beäugt zu werden. Aber es gibt eben auch die Anderen, die sich in Vampirbars rumtreiben, mit Menschen nur anbändeln, um an deren Blut zu kommen und generell eher ein distanziertes Verhältnis zur begrenzten Welt der Sterblichen haben. Erinnert bisschen an das, was man in Soziologieseminaren zur Homosexuellenbewegung lernt: also nicht der Teil mit dem Blut trinken (höhö), aber eben angepasst vs. eigen. Der Vergleich wird übrigens nochmal dadurch betont, dass Vampire abwertend Fangs genannt werden und im Vorspann eine Gottesdienstanzeige mit “God hates Fangs” zu sehen ist. Subtil, hm?

Im Mittelpunkt der Handlung steht die meiste Zeit die Liebesbeziehung zwischen Sookie, Kellnerin und Bill, Vampir. Wie bei den meisten Romanzen im Soap-Format ist es ein ständiges Auf und Ab zwischen Vertrauen, Täuschung, gemeinsamen Plänen und deren Scheitern. Die beides Figuren sind verhältnismäßig trivial: sie blond und irgendwie niedlich, er düster-melancholisch hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Menschlichkeit und den Bedürfnissen, die ein Vampir halt so hat. Interessanter sind da schon die restlichen Hauptfiguren: Sookies beste Freundin Tara, die gleichzeitig aggressiv und labil ist und im Laufe der Staffeln immer wieder in unglückliche Beziehungen gerät: der eine Freund wird erschossen, der andere entpuppt sich als Psychopath. Taras Cousin Lafayette hat nicht nur den schönsten Lidschatten, sondern gerät auch aufgrund seines Handels mit Vampirblut (für Menschen ein kraftsteigerndes Rauschmittel) in eine Situation, die riskant genug ist, dass er sowohl Vampiren als auch deren Blut im weiteren Verlauf mit Misstrauen begegnet. Lafayette wiederum arbeitet hauptberuflich als Koch im Restaurant von Sam. Sam ist größtenteils harmlos, hat ständig Pech mit Frauen und läuft auch mal nackt durch den Wald, nachdem er sich in einen Hund und wieder zurück verwandelt hat. Auch Sookie ist bei ihm angestellt, ebenso Jessica, Bills zeitweiliges Mündel. Bei ihrer Verwandlung zum Vampir war sie 17 und benimmt sich entsprechend launig. Dargestellt wird sie von Deborah Ann Woll und ich bin seit dem ein bisschen Fangirl, aus recht oberflächlichen Gründen. Sookie hat zudem einen etwas tumben Bruder, Jason, der ebenfalls aufgrund seiner Frauengeschichten immer wieder in gefährliche Situationen gerät. Dann gibt es noch Eric Northman und seine Assistentin/Nachkommin Pam, zwei Vertreter der weniger bürgerlichen Vampire. Die Beiden leiten in der Nachbarstadt eine Vampirbar, deren Ambiente und Dresscode auffällig an einen SM-Club erinnert. Dazu kommen je nach Staffel noch andere, mehr oder weniger menschliche Wesen.

Pro Staffel gibt es immer ein großes Thema: in der ersten war es ein Serienmörder, in der zweiten eine gleichermaßen machtvolle wie bösartige Mänade (Frag Wikipedia!), in der dritten ging es um Naziwerwölfe (Naziwerwölfe!) und in der vierten zumindest bisher um Hexen. Vielleicht aber auch um Katzenmenschen. Aktuell ist das noch nicht ganz klar. Jedenfalls eine bunte Mischung aus Sagenfiguren und Popkultur. Mittlerweile wundert sich in der True Blood-Welt auch keiner mehr, wenn plötzlich noch jemand auftaucht, der sich in ein Pferd verwandeln kann oder eine Patin aus der Feenwelt hat. Jede neue Gattung bekommt auch gleich ihre eigene soziale Besonderheit mitgeliefert: die Katzenmenschen leben zurückgezogen als inzestuöser (Cat People von 1982 weiß, wieso) White-Trash-Clan im Wald. Der üblere Teil der Werwölfe ist eine Rockergang. Das Hexenthema wiederum ist eine Mischung aus Scheiterhaufengeschichte und New Age. Durch diese ganzen Nebenhandlungen und -stories bekommen die Figuren Form. Dass es nicht besonders originell ist, eine Verbindung zwischen Nazis und Werwölfen zu ziehen, liegt auf der Hand. Aber eben auch der Trash macht True Blood sehr unterhaltsam.

Weil Trash, sind Sex und Gewalt in der Serie elementar. Gewalt, in dem eigentlich ständig jemand gekidnapped, verprügelt, aufgespießt, gebissen, angeschossen, einbetoniert usw. wird. Sex wird locker gehandhabt. Ob hetero, homo oder bi spielt sowieso keine Rolle, nackt ist eigentlich auch in jeder Folge irgendwer. Darüber hinaus wird das Beissen der Vampire - wenn nicht als Waffe eingesetzt oder zur bloßen Nahrungsbeschaffung - erotisiert. Selbst zwischen Bill und Sookie, der eher drögen Konstellation, kommen die Zähne beim Akt zum Einsatz. Beissen und Blut trinken wird dann als ästhetisch, intim und sexy inszeniert. Pervers ist True Blood aber nicht allein in diesem Sinne. True Blood spielt auch mit Ekel und Exzess: wenn in der zweiten Staffel die Mänade einen Altar aus Früchten und rohem Fleisch aufbaut (der mehrere Tage in der Sonne steht), während die hypnotisierten Kleinstadtbewohner um sie herum übereinander herfallen. Wenn in Staffel drei Bill seiner “Macherin” beim Sex den Kopf auf den Rücken dreht. Oder wenn in der vierten Staffel (Spoiler!) Jason über mehrere Tage schwer verwundet an ein Bett gefesselt ist und schließlich von allen verwahrlosten Frauen des Cat People-Clans  nacheinander vergewaltigt wird (Spoilerende!).

True Blood befriedigt bei mir als Zuschauer unterschiedliche Interessen. Einerseits die Handlung: Intrigen und Verwicklungen, die im Laufe einer Staffel ans Licht kommen, Probleme, die gelöst werden müssen. Hat bei mir bisher immer sehr gut funktioniert: weder fand ich den Verlauf langweilig, noch vorhersehbar. Bei paar Jahrhunderten Vergangenheit einzelner Figuren und neu erscheinenden Lebensformen tauchen immer wieder Aspekte auf, die der Zuschauer vorher nicht kennt. Dann ist True Blood optisch sehr ansprechend. Einerseits die Darsteller, die überwiegend attraktiv, jedoch dabei nicht banal sind (Na gut, die Männer sind alle 1,90 m und mit Waschbrettbauch, aber es gibt nur eine Blondine!). Dazu auch das Setting, diese Südstaatensache, aber auch die etwas kinky Atmosphäre im Umfeld von Pam und Eric. Ich mag die Figuren, weil sie abwechslungsreich sind: vom queeren Lafayette über Sookie als fast Girl-next-door zum undurchschaubaren Eric Northman. Ich mag, dass True Blood so detailverliebt ist, mit all den unterschiedlichen Lebensformen und Querverweisen. Ich mag den Trash und die Momente, in denen man sich fragt, ob das da gerade wirklich passiert. Ich mag den Aspekt, der auf englischsprachigen Seiten schnell mal mit “so wrong” bezeichnet wird: der Moment, in dem “unanständig” Richtung “geschmacklos” verrutscht. Und ich mag, dass True Blood es meist dennoch schafft, irgendwie ästhetisch und sinnlich zu bleiben.

07:15 pm, BY wgirl[3 Anmerkungen]

  1. von wgirl gepostet