Fleisch oder kein Fleisch wird seit einigen Monaten wieder häufiger diskutiert. Selbst fände ich es ganz gut, würde es nicht nur bei Pro-Vegetarismus-Meinungen bleiben, sondern auch dazu führen, dass tatsächlich weniger Fleisch gegessen wird (gilt auch für andere tierische Produkte).
Mittlerweile esse ich seit 5 oder 6 Jahren kein Fleisch mehr. In der Zeit davor war ich allerdings nicht sonderlich wählerisch was Karnivorismus angeht: Ich hab gerne und oft Fleisch gegessen, von Discounter-Salami bis Hausschlachtung. Mir war es egal, ob man dem Braten ansah, dass er mal ein Kaninchen war und ich hab bereits sehr jung beim Ausnehmen und Zerlegen von Tieren geholfen. Fleisch war so normal, wie es nur sein kann. Trotzdem war es nicht übermäßig schwer, kein Fleisch mehr zu essen. Was mir persönlich geholfen hat (und vielleicht auch Anderen nützt, jedoch ohne Garantie):
Genug Motivation. Fleisch essen hat ziemlich viel mit Verdrängung zutun. Wenn jemand in Betracht zieht, auf Fleisch zu verzichten, weiß sie oder er vermutlich bereits von Massentierhaltung, Schlachtviehtransporten und Ähnlichem. Trotzdem ist es sehr bequem, sich wieder in die Welt mit lachender Gesichtswurst, Sonntagsbraten und Die-Tiere-auf-dem-Bauernhof fallen zu lassen. Woher Motivation kommen kann, ist einigermaßen unterschiedlich. Bei manchen funktioniert es scheinbar auf der logischen Ebene, etwa, in dem man eine Ethik wie die Peter Singers übernimmt, in der es kaum Rechtfertigung für das Töten von Tieren gibt oder in dem man sich Statistiken zu Fleischkonsum und Umweltschutz durchliest. Andere haben ein Schlüsselerlebnis, wie das Verhältnis zu eigenen Haustieren. Ein Bekannter hat eine Nacht mit Youtube-Filmen und Websites zum Thema verbracht, ich selbst hab eine Zeit lang in der Fleischindustrie gejobbt. Woher man die Motivation nimmt ist also komplett verschieden. Auf jeden Fall ist sie notwendig.
Es langsam angehen. Von heute auf morgen kein Fleisch mehr zu essen ist zwar ein guter Vorsatz, aber oft bleibt es dann dabei, da es umständlich bis stressig wird. Eine Möglichkeit ist es, sich Woche für Woche zu steigern, z.B. in dem man in der ersten Woche aufhört, “reine” Fleischprodukte wie Wurst oder Schnitzel zu essen. Ab der zweiten Woche verzichtet man auf Produkte, die eindeutig Fleisch beinhalten, wie etwa Pizza mit Salami. In der dritten Woche fängt man an, auf Inhaltsangaben zu achten und sortiert auch das aus, was versteckt Tier enthält, etwa in Form von Lab oder Gelatine. Natürlich kann man auch alle Phasen auf einen Tag legen, aber so lange man ohne Routine, dafür mit Hunger ist, wird man schnell mal rückfällig.
Abwechslung: Man hat den Hang dazu, erst einmal das zu sehen, was man alles nicht mehr essen kann. Dabei übersieht man die enorme Auswahl an Nahrungsmitteln, die nicht davon betroffen sind, von denen, die man bisher gar nicht in Erwägung gezogen hat, ganz zu schweigen. Hülsenfrüchte, Sojaprodukte, vegane Brotaufstriche, exotischere Obst- und Gemüsesorten etwa spielten für mich als Fleischesser kaum eine Rolle. Dem Klischee vom Beilagenesser entgeht man mit Currys, Aufläufen, Eintöpfen und Salaten. Trotzdem sollte man den Fehler vermeiden, ausfallende Fleischeinlagen durch andere Produkte tierischen Ursprungs zu ersetzen.
Kochen lernen. Ist kein Muss, hat sich aber bei mir von selbst eingestellt. Zwar gibt es vegetarisches Junkfood und Kantinenessen, üblicherweise ist das aber nicht gerade abwechslungsreich (die Aspekte “gesund” und “fettarm” bleiben hier außen vor). Auch das, was man sich abends schnell und autodidaktisch selbst zusammenrührt wie irgendwasmitNudeln, kann bald langweilig werden. Vegetarische und vegane Kochbücher gibt es, wie andere Kochbücher auch, in komplett unterschiedlichen Stilrichtungen (Mein Favorit sind die vom Ox-Fanzine, in denen zwar oft Konserven auftauchen und Vieles ästhetisch grenzwertig ist, die sich aber an studentischen Möglichkeiten orientieren, was Zutaten, Aufwand und Geräte angeht.). Was genau den eigenen Interessen entspricht muss man selbst heraus finden. Darüber hinaus sind auch Websiten wie kuechengoetter.de oder die von Jamie Oliver partiell Quell vegetarischer Freude. Nicht zu vergessen diverse Kochblogs und Rezeptsektionen der Internetauftritte von Tierrechtsorganisationen, Bioläden, Veganshops undsoweiter.
Geduld. Es kann einige Zeit dauern, bis man so vegetarisch lebt, wie man es gerne möchte. Wenn man es irgendwann geschafft hat, erreicht man einigermaßen schnell den Punkt, an dem Fleisch als Nahrungsmittel nicht mehr interessant ist. Die Essgewohnheiten verändern sich so, dass man Fleisch nicht mehr in Erwägung zieht, es fehlt einem nicht, man verzichtet nicht, man hat einfach dieses Bedürfnis nicht mehr. Lässt sich vielleicht nicht verallgemeinern, bestimmt gibt es auch Menschen, auf die das nicht zutrifft. Bisher ging es allerdings allen Vegetariern und Veganern, mit denen ich darüber gesprochen habe, ähnlich. Es ist keine Askese, es ist eine Gewohnheit.