wondergirl

Einträge getaggt mit Diary

Tag 12/10/14

Okay, dann tatsächlich eine Woche nichts getrunken. War substanziell egal und als Erlebnis belanglos. Herausforderung war weniger die spontane Lust nach einem Glas Rotwein zum Feierabend, sondern soziale Situationen: das Mini-Tweetup, mit Leuten, die ich bis dahin kaum kannte. Die Kino-Sneak. Die Buchmesse-Party. Es ist ziemlich einfach, nüchtern zu bleiben und ziemlich unangenehm, es als Einzige, unter Betrunkenen, zu sein. Worst case: mit zwei alkoholisierten Freunden beim Thai, die Kellnerin ist überfordert, das Essen kommt nicht und als es dann da ist, ist es das falsche. Ich hindere die Begleitung daran, Einweg-Essstäbchen in die Kerze zu halten und Tischdeko in den Mund zu nehmen und fühle mich bald als alleinerziehende Mutter von Kindern, die ich in dieser Konstellation sicherlich frühzeitig ausgesetzt hätte. Sollte ich mich mal so benehmen, wünsche ich, dass man mich freundlich-streng nach Hause geleitet.

Tag 06/10/14

Ich versuche, eine Woche keinen Alkohol zu trinken. Der Zeitabschnitt klingt lächerlich kurz, allerdings geht es mir nicht darum, mich zu entgiften. Ich war die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens vom Typ her eher Binge-Trinker: selten, aber wenn, dann richtig. Mittlerweile trinke ich regelmäßiger, aber immer noch nicht ganz moderat. Ich möchte wieder ein bisschen weg von dieser Regelmäßigkeit, die Intensität kann von mir aus bleiben. Vor allem möchte ich aber wissen, was von meinem Alkoholkonsum tatsächlich vor allem Spass und was nur Gewohnheit ist.

Entgegen der Behauptungen einiger Kollegen arbeite ich zumindest im Hauptjob stets nüchtern. Die Herausforderung bestand dafür aus dem Sneak-Besuch mit Freundin N.. Sneak ist das Russisch Roulette gelangweilter Post-Studenten unserer Zeit. Normalerweise ist es so, dass ein bis zwei Bier und die passende Begleitung eher mäßige Filme aufwerten können. Leider lief dieses Mal The Love Punch, eine britische Komödie, in der Emma Thompson und Pierce Brosnan ein geschiedenes Paar in seinen 50ern spielen, das, im Rahmen eines Juwelendiebstahl in Südfrankreich, wieder zu einander findet. Handlung und Witz waren so bräsig, dass fast noch Heinz Erhardt um die Ecke gewunken hätte. Ich aber blieb nüchtern, bei vollem Bewusstsein und wünsche mir jetzt im Nachhinein, es wäre anders gekommen (Lobotomie anyone?).

Kinds of minds

Halbjährliches Telefonat mit dem früheren Liebsten. Die Connection geht langsam verloren, die Themen werden harmlos. Wie immer sagen wir uns, dass wir gelegentlich noch an die Zeit denken, die dann doch schon sechs oder sieben Jahre zurückliegt. Es geht kaum um uns, es geht um das Gefühl dabei: “Mir fehlt es, mich in den Moment fallen lassen zu können.”.
Mittlerweile merke ich es auch verstärkt: beim Lesen denke ich ans Schlafen, beim Sex an die Arbeit, beim Arbeiten ans Essen. Ich bin geistig in der Zukunft oder in der Vergangenheit und nur selten da (und wenn doch, bin ich betrunken). Vielleicht war es schon immer so: woher soll ich wissen, was die Gegenwart bedeutet, wenn es noch keine Auflösung gab. Wie in einem Film, wenn erst am Ende klar wird, warum es die Nebenhandlungen gab. Vielleicht wird es aber auch einfach nur immer schlimmer.

Mit dem anderen Exfreund (Sie sind so inspirierend.) darüber diskutiert, ob unsere Wahrnehmung immer oberflächlicher wird. Er glaubt, ja, zu viel Angebot, zu viele Möglichkeit, wir interessieren uns für alles ein bisschen und nichts so richtig, die Frank Schirrmacher-Argumentation, quasi. Ich bin ambivalent, einerseits ja, es macht schon Sinn. Aber was, wenn unser Verständnis von Intensität sich wandelt? Wenn es irgendwann nicht mehr primär darum geht, möglichst viel über einen bestimmten Gegenstand zu erfahren, sondern Wissen möglichst weitläufig, mit anderen Bereichen, zu verknüpfen.

Tag 07/07/13

In der Straßenbahn lese ich Rolf Dobellis Die Kunst des klugen Handelns fertig. Guckt man sich den Lebenslauf des Autors an, ahnt man, für welche Sorte Mensch das Buch gedacht ist. Dennoch ist es nicht uninteressant. Ein Abschnitt handelt davon, dass man News vermeiden sollte. Keine Zeitschrift und kein SpiegelOnline, keine Nachrichten in Radio oder Fernsehen. Erstmal klingt es wissensfeindlich, dann fällt mir auf, dass ich es selbst längst ähnlich handhabe, wenn auch nicht zu 100% konsequent. Es hat mich müde gemacht, pro Tag geschätzt eine Stunde damit zu verbringen, wo welches Flugzeug abgestürzt ist oder was welcher Politiker zu welcher Quote gesagt hat. Es ist kein reines Desinteresse, Bücher und Hintergrundberichte lese ich nach wie vor regelmäßig und mit Informationsgewinn (so wie auch Dobelli es empfiehlt). Nachrichten haben für mich jedoch immer mehr was von einem Mini-Shitstorm. 

Tag 04/07/13

Einmal hatte ich eine Verabredung. Wir tranken Milchkaffee und er erzählte, woher er kam.  Von seinen Eltern, die türkische Gastarbeiter waren und ihn zum Bildungsaufsteiger werden ließen. Er fragte nach meinem Hintergrund. Meine Eltern sind beide Akademiker, trotzdem hatten wir nie viel Geld. Mein Vater zahlte keinen Unterhalt, meine Mutter arbeitete in einem Beruf, für den sie keine Qualifikation besaß. Ihr Stundenlohn ist so hoch wie das, was ich in meinen Studentenjobs verdiene. Das ich immerhin kulturelles Kapital mitbekam, war mir egal, als ich mit 12 ganz materielle Wünsche hatte: selbstausgesuchte Klamotten, Reitstunden oder den Schüleraustausch nach England. Meine Verabredung fand die Vorraussetzung gut: “Du hast Hunger. Aus dir wird was.”. Aber warum sollte ich mich ausgerechnet dafür entscheiden, mehr zu wollen? Kann es nicht genauso gut sein, dass man lernt, sich abzufinden, keine Ansprüche zu stellen und nichts zu erwarten, schon gar nicht von einem selbst?

Tag 20/06/13

Als der Dozent, für ein Gedankenexperiment, wissen wollte, wer von uns Studierenden verheiratet ist. Und sich von den etwa 20 Leuten im Raum eine Handvoll meldete. Auf Arbeit dasselbe. Die Besten sind verheiratet. Oder zumindest in sehr, sehr langen Beziehungen. Mit 25, höchstens 30. Nur ich, ich bin seit Jahren Single. Zusammen mit den Hyperaktiven, den Ungewaschenen und dem Typen, der mit 30 noch bei seinen Eltern wohnt. Fühlt sich in schlechten Momenten an wie Stuhltanz.

Tag 19/06/13

38°c erinnern an den Sommer, in dem ich hierher zog. Er liegt mittlerweile genau zehn Jahre zurück. Meinen Erinnerungen nach lag ich gefühltermaßen wochenlang im Kinderzimmer meines damaligen Freundes, die Fenster waren verschlossen und abgedunkelt, der Ventilator lief ununterbrochen. Wir verließen es erst nach Einbruch der Dunkelheit, duschten kalt, lebten von Langnese-Eis. Ich kann mich nicht erinnern, dass es im Norden jemals so unerträglich heiß wurde, wie es hier werden kann.

Tag 09/02/11

Das Jahr, in dem ich Fasching feierte:

Wie bereits öfters subtil angedeutet, bin ich im Nordosten des Landes aufgewachsen. Ihr kennt es als das Gebiet hinter der großen Mauer, dort, wo die Wildlinge wohnen. Fasching spielte bei uns kaum eine Rolle. An einem Abend im Februar versammelte sich der volljährige Teil der Gemeinschaft in kostümierter Form in einem der verbliebenen Kulturhäuser. Dort gab es dann Tanzmusik (wasauchimmer) und die Frau des Bäckers landete auf dem Schoß des Bürgermeisters und am nächsten Montag war wieder alles vergessen. Alles in allem kurz und schmerzlos. Bestimmt gibt es irgendwo einen Paläoanthropologen, der genau weiß, warum Karneval in Vorpommern nicht wichtig ist.

Auch Frankfurt ist nicht gerade das Rheinland. Es gibt hier zwar von Prunksitzungen über Umzüge bis Faschingspartys genug Möglichkeiten, sich selbstzuverwirklichen, aber man kann der Sache auch ohne Umstände zu haben aus dem Weg gehen. In den letzten Jahren hätte ich jedenfalls von der Faschingszeit nicht viel mitbekommen, wenn da nicht Freundin N. gewesen wäre. N. hatte sich angewöhnt, kompromisslos als total slut loszuziehen und suchte Begleitung. Sie schwärmte vor, wie einfach es wäre, in dieser Atmosphäre Leute kennenzulernen, stürzte dann mit einem Krokodil ab und ich nahm mir auch für das folgende Jahr vor, nicht mitzukommen. 

Im vergangenen November war es ein bisschen anders. Mir kamen Zweifel. Nicht weil mir menschlicher Körperkontakt fehlte, mein Trinkverhalten eskalierte oder ich plötzlich gefallen daran gefunden hatte, mich zu verkleiden. Im Gegenteil, Letzteres stellte noch das größte “Aber” dar. Zu den verwirrendstes Erinnerungen aus meiner Studienzeit gehört eine private Kostümparty, für die Politikstudenten sich Filz auf die nackten Füße klebten, um als Hobbit durchzugehen. Verkleiden schien mit immer als belastender Dratseilakt zwischen Genie und Wahnsinn zu sein. Mit starker Tendenz in eine Richtung.

Viel wahrscheinlicher hat das “Vielleicht” zum Karneval mit der altersbedingt zunehmenden Uncoolness zu tun. Im Laufe des letzten Jahres wurde mir immer gleichgültiger, ob eine bestimmte Rocklänge zu kurz für meine dicken Beine ist. Ich fand mich auf dem Hip-Hop-Floor wieder. Ich trank Vodka mit Fruchtaromen. Der Schritt bis Karneval war plötzlich nicht mehr so groß. Außerdem kann ich mich als angehende Philosophin-Schrägstrich-Sozialwissenschaftlerin im Nachhinein für ziemlich viel vor mir selber rechtfertigen, in dem ich mir einrede, dass mein Interesse wissenschaftlich war.

Die Begleitung und ich entschieden uns für eine Veranstaltung im universitären Umfeld. Der Rest ist unspektakulär. Alkoholkonsum und Kontaktfreude waren minimal größer als auf gängigen Studentenpartys. Die Musik war durchschnittlich wie immer. Höchstens die Sache mit den Kostümen hätte einen Unterschied machen können, allerdings gab es auch da wenig, was ich nicht schon an Kommilitonen außerhalb der Karnevalszeit gesehen habe. Nur venezianische Masken, die Billy-Regale des Dresscode-Partys, konnten sich in Seminaren und Vorlesungen bisher nicht durchsetzen. Unterm Strich lässt sich die Sache mit dem Fasching in dieser Form wieder machen. Lediglich Prunksitzungen und Umzüge hebe ich mir noch ein Weilchen auf.

Tag 10/01/13

Ein Traum: ich bin frisch geduscht, meine Haare sind noch nass, um den Kopf trage ich ein Handtuch. Ich betrachte mein Gesicht, nicht im Spiegel, sondern durch das Objektiv einer Kamera. Auf der Haut bilden sich Unebenheiten, aus den Unebenheiten werden Beulen. Die Beulen fangen an zu verlaufen, nach unten zu tropfen, bis ich aussehe, als hätte Francis Bacon mich gemalt.

In einem anderen Traum gibt mir eine Professorin meine Magisterarbeit zurück. Aus irgendeinem Grund handelt es sich dabei nicht um einen Text über eine philosophische Fragestellung, sondern um Aufgaben aus dem Geometrie-Unterricht. Die Pyramiden und Dreiecke habe ich scheinbar freihändig, mit einem Kugelschreiber, gezeichnet. Die Linien sind mehrfach, was sie noch unordentlicher aussehen lässt. Ich habe nicht bestanden.

Tag 29/12/12

Zurück aus der alten Heimat. Wieder aus zweiter und dritter Hand gehört, was die Gleichaltrigen machen. Die Eine hat ein Kind, der Zweite übernimmt die Firma seines Vaters, der Dritte kam gerade nach einem Jahr aus Afrika zurück und fliegt demnächst weiter, zum Praktikum nach Brasilien. Und ich, ich habe Angst, etwas verpasst, zu vieles unversucht, zu wenig ausgeschöpft zu haben. Dabei möchte ich weder dringend Mutter, noch Geschäftsfrau sein und Afrika hat mich auch nie sonderlich gereizt. Es ist auch nicht so, dass meine Mutter mich drängt: sie hat Verständnis und außerdem meinen Bruder, dessen berufliche Laufbahn auch für Außenstehende nachvollziehbar ist. Es ist vor allem die Unsicherheit, in einem Alter zu sein, in dem alle scheinbar wissen was sie wollen, egal ob mit langfristigen Absichten oder aus temporärem Interesse. Oder sie zeigen zumindest Bereitschaft, sich auszuprobieren, zu experimentieren und zu riskieren, um herauszufinden, wohin es gehen könnte. Nur mir scheinen solche Ambitionen zu fehlen. Ich weiß, dass ich auch paar Sachen geschafft habe, irgendwiejadoch ein eigenes Buch und mein Name im Impressum einer Zeitschrift. Und ganz für mich bin ich auch nicht unglücklich, wenn da nur nicht immer der Vergleich mit den Anderen wäre, der zeigt, was man auch alles könnte, würde man wirklich wollen.