An ungeraden Sonntagen zwischen dem sechsten und zehnten Tag im Monat verlasse ich auch mal den Puff, den ich zu Hause nenne. In dem Fall war der Anlass ein mehrfach verschobenes Treffen mit dem Loh. Sich mit dem Loh zu verabreden ist ja immer nicht so einfach. Da er den Großteil seines Lebens wahlweise im Wald oder in Düsseldorf verbracht hat, ist sein Orientierungssinn für den urbanen Raum verkümmert. Sofern man sich nicht an einer Straßenbahnhaltestelle inklusive Richtungsangabe verabredet, ist die Wahrscheinlichkeit seines pünktlichen Eintreffens tendenziell gering. Daher schlug ich als Treffpunkt die sogenannte Sommerwerft vor. Sommerwerft ist bisschen das Woodstock des Straßentheaters. Nur halt im südhessischen Maßstab. Als ich vor Jahren das erste Mal dort war, war es Selbstverwirklichung pur. Zumindest für Menschen, die gefühltermaßen 1970 haben. Ungern erinnere ich mich an Exzesse mit Rotwein als Fingerfarbe auf 20-Meter-Schreibmaschinenpapierrollen und Puppentheater. Das Problem dabei ist, dass die meist leidenschaftlich involvierte Begleitung häufig beleidigt reagiert, wenn man ihr wegen solchen Aktionen aufs Maul haut. Da bleibt dann nur Aussitzen.
In diesem Jahr oder zumindest heute ging es aber eigentlich. Vermutlich zum Leidwesen der Veranstalter war das Publikum etwas durchmischter: mehr Hipster und Irgendwie-Linke statt nur Filzfrisuren und Pädagogikstudenten. Das sorgt ein bisschen für Verspannung und dämpft den Elan. Sommerwerft ist am Osthafen, eigentlich aus der Ferne zu sehen und daher leicht zu finden. Der Loh kam dann auch nur 30 Minuten zu spät und der Klang von Reggae aus einem Kofferradio täuschte angemessen über sein zeitweiliges Ausbleiben hinweg. Cocktail mit Gurke und Volxkücheneintopf aus dem Napf (Der Loh!) konnten aber nicht über die frühherbstlichen Außentemperaturen hinwegtäuschen. Irgendwann gingen wir Richtung Innenstadt und Nahverkehr und landeten - Hurra! - auf dem Mainfest.
Auf einem Rummel war ich das letzte Mal sicherlich, als ich noch in Pommern wohnte. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Ansprüche für kulturelles Erleben dort nicht zu hoch sind. Die Frankfurter Sozialgewohnheiten sind für gewöhnlich zu alternativ oder nymphoman für so etwas, zum Glück bildet Spessartbub Loh die Ausnahme. Da ich immer große Hemmungen habe, einfach so Fremde zu fotografieren (und noch größere davor, sie zu fragen, ob es okay geht) fällt die Dokumentation des Ganzen etwas knapp aus:

Neben besessenem Kind und Zombie fürchtet der Frankfurter Geisterbahnfahrer vor allem Albert Einstein.

Geschossen wir bevorzugt auf Meerschweinchen (oder Pandas?)…

… als Gewinn winken jedoch säuglingsgroße Beutelratten.

Wem Schusswaffen zu soft sind, bleibt immerhin noch ein Russisch Roulette mit Intimpiercings.

Hier kann sich der Loh noch nicht entscheiden, auf wen er schießen möchte. Nicht im Bild: die “Lass die Libanesin schießen!”-Mädchengang, sowie der zweite Schusswaffenverwalter mit Walter Sobchak-Temperament, der die Libanesin anbrüllte, nicht das Gewehr auf sein Auge zu richten, während sie den Finger am Abzug hat.

Trotz Fehler in der Haltung ist meine Trefferquote hoch. Das ist sehr ermutigend, ist dieses Schaustellergewerbe doch sicher auch was, was sich gut mit Magister machen ließe.

Dabei ist gar nicht so klar, ob man als Schausteller geboren, oder dazu gemacht wird. Bei diesem Spiel geht es übrigens darum, einen Nagel mit drei Schlägen in ein Brett zu bekommen. Für Gewinner gibt es Sekt. Spielen Frauen oder Kindern, werden die Nägel bis auf ein Drittel vorgehämmert.

Wenn man nichts gewinnt, bleibt immer noch dieser Stand mit sehr günstigen zahnmedizinischen Utensilien. So können Menschen, ohne den für den Rekommandeur-Beruf nötigen Charme, sich immerhin mit der eigenen Praxis selbstständig machen.