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Under The Skin

Über Under The Skin kann man eigentlich nicht schreiben (Natürlich mache ich es trotzdem). Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einem Film gesehen habe, der sich nicht in Worte fassen ließ. Vielleicht gibt es wenig Besseres, was sich über Kino sagen lässt.

Nachdem von The Guardian bis NEON eigentlich jeder den Film zumindest erwähnt hat, wissen vermutlich die Meisten, worum es geht: ein Alien hat sich den Körper einer Frau (Scarlett Johansson) angeeignet. Fährt so im Kleinbus durch Schottland, spricht Männer an, nimmt sie mit, lässt sie verschwinden. Darüber hinaus passiert rein narrativ wenig.

Ich kann mir vorstellen, dass jeder den Film für sich interpretiert, immer wieder anders. Für mich ging es in Under The Skin um Einsamkeit. Zumindest anfangs schafft es das fremde Wesen, sich unauffällig zu verhalten. Es fährt Auto, trägt Lippenstift auf, führt Gespräche. Und doch bleibt alles zwischenmenschliche, alles zivilisatorische leeres Ritual. Das Alien sieht, was passiert, erkennt aber keinen Sinn darin. Oder erkennt, dass es keinen Sinn gibt. Erst später, als es hilfloser, verwundbarer ist, beginnt es zu verstehen.

Auch möglich: Selbsterkenntnis als Vorraussetzung, um empfinden zu können. Im Laufe des Films tauchen immer wieder Spiegel auf. Das Alien betrachtet sich darin. Zu erst im Rückspiegel des Autos, später in einem Wandspiegel, der das Gesicht zeigt. Kurz vor dem Ende steht es vor einem Ganzkörperspiegel, nackt. Je mehr es von sich sieht, um so unberechenbarer wird sein Verhalten.

Under The Skin ist langsam, hypnotisch und schön. Für mich ist es ungewöhnlich, dass diese Art Film so lange meine Aufmerksamkeit halten kann: Ich würde ihn sogar wieder sehen.

Gesehen: Don Jon

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Jon Martello (Joseph Gordon-Levitt) ist ein junger Mann wie aus JERSEY SHORE. Er liebt seinen Körper, sein Auto, seine Bude, seine Kumpels, seine Eroberungen, seine Familie, seine Kirche und Onlinepornografie. Mit letzterer wird es schwierig, als er auf Barbara (Scarlett Johansson) trifft und beschließt, weil die Zeit reif und sie auf seiner Ratingscala eine glatte 10 ist, sich auf eine Beziehung einzulassen.

Jon wird von seinen Jungs nicht ohne Grund „Don Jon“ genannt. Unter dem Einfluss von Barbara ändert sich sein Leben. Statt um die Häuser zu ziehen, verbringt er seine Zeit jetzt mit ihr und die Footballübertragungen im Fernsehen werden zu Abendschulkursen. Barbara möchte die perfekte Beziehung und die ist für sie nur möglich, wenn Jon was aus sich macht. Was dagegen überhaupt nicht geht: Lügen und Pornos. Jon kann zwar auf einiges verzichten, bei seinen Lieblingsclips hört es aber auf und so findet er Wege, Pornos zu gucken, ohne das seine Freundin davon erfährt. Auch deswegen kommt er während seines Abendschulkurses mit der älteren Esther (Juliane Moore) ins Gespräch.

Auf den ersten Blick wirkt DON JON wie eine ziemlich schlimme Buddy-Komödie oder eine Männersindsofrauensindso-Geschichte. Jon und seine Kumpels wirken wie gute Gründe, sich nicht bei McFit anzumelden, während Barbara aussieht, als wären Gelnägel ihre persönliche Erfindung. Aber bald wird klar, wie parodistisch der Film stellenweise angelegt ist, etwa wenn Schlüsselszenen regelmäßig wiederholt werden. So die Art, wie Jon Frauen aufreißt, sein wöchentlicher Gang zur Kirche, inklusive anschließender Beichte oder das Geräusch, wenn sein Rechner hochfährt.

Unter der prolligen Schale steckt bei DON JON ein sanfter Kern. Durch Esther erkennt Jon die Nebenwirkungen seiner Sehgewohnheiten. Dass Pornos für ihn besser sind als echter Sex, hat er bereits selbst festgestellt. Wie sehr ihn seine Erwartungen von realen Erlebnissen distanzieren, merkt er erst nach und nach. Aber nicht nur Jon scheitert an der Wirklichkeit. Barbaras Beziehungsvorstellungen wurden ebenfalls durch Filme geprägt, in dem Fall allerdings Hollywooddramen mit Happy End. Dass Jon seine Wohnung am liebsten selber putzt und als Barkeeper ganz zufrieden ist, passt da nicht ins Konzept. Dafür, dass er für sie sein Leben nicht komplett aufgeben möchte, hat sie kein Verständnis.

DON JON ist Kulturindustrie-Theorie für Leute mit Undercut. Ohne es komplett abwertend zu meinen. Auch mit ein wenig mehr Erfahrung ist es ganz interessant, gelegentlich darüber nachzudenken, wie sehr das eigene Handeln durch Medien beeinflusst wird und DON JON stiftet dazu an. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Pornografie, dennoch frage ich mich, welche Vorstellungen ich von Sex hätte, gäbe es sie nicht. Und auch: ist kritischer, distanzierter Medienkonsum überhaupt möglich?

Gut gelöst ist auch das Filmende: ein gutes. Trotzdem bricht es mit den Erwartungen des Mainstreamkinogängers. Und mit denen von Jons Eltern.

Gesehen: 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse

Kam in den letzten Jahren selten vor, dass mir nach einem Kinobesuch vor Lachen das Gesicht weh tat. Ansonsten ist es kein Film, über den sich schreiben lässt. Zumindest nicht im üblichen Vokabular, das nach konstanter Handlung, komplexen Charakteren und sowas wie Spannungsaufbau fragt. Nur kurz: ich bin eigentlich kein Helge Schneider-Fan. Heranwachsende haben ja immer so Phasen, in denen sie zwanghaft Komiker und Filme nachsprechen müssen. In meiner Peer Group kam irgendwann, zwischen Otto Waalkes und Das Leben des Brian, Helge Schneider dran. Noch heute Falle ich als Reaktion auf ein fröhlich geschmettertes “Telefonmann!” in einen Sekundenschlaf. Seine Filme, soweit gesehen, mochte ich aber immer sehr. 

Gesehen: The Great Gatsby

The Great Gatsby ist eines der Bücher, die man gelesen haben muss, die niemanden unberührt lassen. Gilt leider nicht für mich. Alle paar Jahre lese ich die ersten paar Seiten, mal auf Deutsch, mal auf Englisch und verliere dann die Lust. Das ist ein bisschen schade, weil der Klappentext mir grundsätzlich schon zusagt, aber es gibt eben Dinge, die möglicherweise gut sind und mit denen ich trotzdem nicht warm werde. Zum Beispiel David Lynch-Filme und Starkbier. Und eben Fitzgeralds Romanvorlage.

Dagegen habe ich alle Baz Luhrmann-Filme gesehen. Sogar die mit Nicole Kidman, obwohl ich sie vielleicht sogar noch gruseliger finde, als ihren Exmann. Für mich sind die Filme von Luhrmann so, wie 1kg Gummibärchen: bunt und süß bis zum Erbrechen. Und trotzdem kann man nicht aufhören, bis nichts mehr übrig und der Film zu Ende ist. Luhrmann mischt Shakespeare mit Hawaii-Hemden und Fine de Siècle mit Madonna und klar, einerseits weiß ich, dass nicht Mal er es darf, aber er macht es eben und ich finde es gut.

Der The Great Gatsby-Film entspricht ganz dieser Tradition und trotzdem bin ich ein wenig enttäuscht. Wenn The Great Gatsby einem anderen Luhrmann-Film gleicht, dann Moulin Rouge und das leider zu sehr. In The Great Gatsby ist der stille Beobachter und nicht ganz so stille Erzähler Nick Carraway dank Toby Maguires Kindergesicht ungefähr so trollig wie die Künstlertruppe in Moulin Rouge. Immer wieder gibt es Bilder und Kamerafahrten, die einem so bekannt vorkommen, dass man nicht genau weiß, ob es jetzt eine Hommage von Luhrmann an Luhrmann sein soll, oder ob es schlicht Einfallslosigkeit ist, etwa wenn quer durch die Stadt in ein Fenster/von einem Fenster weg gezoomt wird.

Rein narrativ ist die Story vermutlich nah am Roman dran: Erzähler Carraway bezieht ein Häuschen auf Long Island und trifft dort auf seinen pervers reichen Nachbarn Jay Gatsby. Um Gatsbys Existenz gibt es genauso viele Gerüchte wie zur Frage, woher sein Vermögen stammt. Als Carraway Gatsby besser kennenlernt, wird ihm klar, dass es eigentlich nur um eines geht: Carraways Cousine Daisy, reich, verheiratet, von der gegenüberliegenden Seite der Bucht, stand Gatsby einst näher. Weltkrieg und damals vorhandene Klassenunterschiede trieben beide auseinander, dennoch konnte Gatsby sie nicht vergessen.

Wie bereits erwähnt, kenne ich den Roman nicht. Falls Gatsby darin schmierig, Daisy narzisstisch und Carraway geringfügig einfältig dargestellt werden, ist die Umsetzung authentisch. Wirklich Sympathieträger ist im Film jedenfalls niemand, was das Liebesunglück rund um Gatsby, Daisy und allen weiteren Beteiligten etwas schwer mitfühlbar werden lässt. Vielleicht beruht meine Wahrnehmung aber auch nur auf die zunehmende Abneigung gegen Leonarde DiCaprio, der für mich mittlerweile denselben Charme hat, wie die Baldwin-Brüder vor 30 Rock.

Natürlich ist aber auch nicht alles enttäuschend, denn was Lana Del Rey im Soundtrack hat, kann einfach kein schlechter Film sein. An Luhrmann schätze ich schließlich auch die Bereitschaft zum großzügigen Einsatz von Konfetti und davon gibt es genug. Es wird wieder gesungen, gefeiert und getanzt, man trägt Gold und Pailletten, tobt durch die Stadt und betritt Pools grundsätzlich nur vollbekleidet. Trotzdem ist das Staunen darüber nicht mehr ganz so groß, wie bei früheren Filmen Luhrmanns, als alles noch neuer und daher überwältigender erschien.

Gesehen: Ginger & Rosa

Während 1946 in Hiroshima eine Atombombe explodiert, kommen in London Ginger und Rosa zur Welt. Die Mütter freunden sich an, die Töchter werden unzertrennlich. Dann sind sie plötzlich 17 und müssen feststellen, wie verschieden ihre Wünsche und Ziele doch sind. Die kindlicher wirkende Ginger möchte Dichterin werden. Gleichzeitig verfolgt sie aufmerksam die Nachrichtenmeldungen über das nukleare Wettrüsten zwischen USA und Sowjetunion. Sie fürchtet einen Atomkrieg und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Rosa dagegen bleibt teilnahmelos. Zwar begleitet sie Ginger zu pazifistischen Gesprächskreisen und Demonstrationen, schlägt dann aber doch Beten als naheliegendste Maßnahme vor. Während Ginger vom nuklearen Holocaust träumt, hofft Rosa auf die wahre Liebe. Und verliebt sich in Gingers freigeistigen Vater.

Ginger & Rosa ist insofern ein typischer Coming-of-Age-Film, als das er rund um die jungen Hauptfiguren essentielle Fragen behandelt. Vor allem geht es um die Vereinbarkeit von individueller Freiheit mit der Verantwortung gegenüber den Menschen, die einem etwas bedeuten. Ginger etwa bewundert ihren Vater, der während des Zweiten Weltkriegs lieber ins Gefängnis als zum Militär ging. Er ist nicht nur Pazifist, sondern auch antiautoritär, was immer wieder zu Konflikten mit Gingers Mutter führt, die sich Beständigkeit, Sicherheit oder einfach ein funktionales Familienleben wünscht. Sie selbst hat nach Gingers Geburt ihre Leidenschaft, das Malen, aufgegeben, um sich ganz Mann und Tochter widmen zu können. Als der Vater auf Rosas Avancen eingeht, ist Ginger schwer verletzt. Der Vater sieht sich dennoch im Recht und Ginger als Opfer repressiver, bürgerlicher Familienvorstellungen. Als Zuschauer lässt sich kaum sagen, welche Erwartungen eher berechtigt sind.

Ehrlich gesagt hatte ich nach dem Trailer vor allem einen typischen Mädchenfilm erwartet. Vielleicht ein bisschen melancholisch, ansonsten aber harmlos und leicht verdaulich. In Wirklichkeit ist Ginger & Rosa angenehm komplex, ganz ohne Zeigefinger oder Zwang. Filme „mit Message“ geben mir schnell Mal das Gefühl eines Welpen, dessen Schnauze man ins Pfützchen drückt, damit er lernt. Ginger & Rosa beantwortet aber auch keine Frage, sondern stellt sie. Was dann wohl den Unterschied ausmacht. Ansonsten ist er ziemlich großartig besetzt, vor allem durch Elle Fanning, der man so ziemlich alles abnehmen würde, außer dass sie einfach eine Vierzehnjährige ist, die eine Siebzehnjährige spielt. Allein Christine Hendricks als Mutter von Ginger wird nicht so ganz zur britischen Hausfrau, sondern bleibt immer ein wenig sehr Joan Holloway. Was wiederum vielleicht auch am gewohnten 1960er Jahre-Umfeld liegt.

Gesehen: Spring Breakers

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Sieht den Pressefotos nach erst ein Mal so aus, als würde es sich um American Pie, Teil 27 handeln. Davon sollte man sich nicht unbedingt abschrecken lassen, denn hinter Spring Breakers steckt Harmony Korine, der auch an den Drehbüchern zu Kids und Ken Park mitschrieb. 

Vier Freundinnen aus Kindertagen haben genug davon, immer nur die gleichen Leute, die selben Vorlesungen und öden Wohnheimflure zu sehen. Sie überfallen ein Restaurant und setzen sich mit der Beute zum Spring Break nach Florida ab. Dort geraten sie an den White Trash-Gangster Alien, für dessen Zwecke sie sich ziemlich bereitwillig einspannen lassen. Vielleicht lässt er sich auch von ihnen einspannen. Aber eigentlich ist das auch nicht entscheidend.

Spring Breakers handelt vom Eskapismus, dem jeder irgendwo nachhängt. Man muss kein Freud-Leser sein, um zu wissen, dass es als Mensch unter Menschen eher selten einfach ist. Und während die einen sich mit einem Buch einschließen, meditieren oder Bergwanderungen machen, ziehen sich die Spring Breakers-Mädchen Sturmhauben über die Köpfe und lassen sich von Alien in Kreise einführen, vor denen ihre Mütter sie gewarnt hätten.

Es ist allerdings auch nicht so, dass die Pressefotos Dinge versprechen, die sie nicht einhalten. Natürlich ist Spring Breakers keine reine Metapher für das Leben in der Zivilisation und seine Missstände. Es geht auch um Freundschaft, Jugend und Exzess. Dieses Mal zur erfreulichen Abwechslung nicht in Form einer maskulin besetzten Buddy-Komödie, sondern in weiblich. Da dann auch mit wenig Bekleidung, allerdings ist es auch so nicht wahnsinnig ungewöhnlich oder abwegig, wenn sich Frauen um die 20 sexuell ansprechend inszenieren (lassen).

Immer wieder hört man die Protagonistinnen mit den Daheimgebliebenen telefonieren. Ihren Müttern und Freundinnen erzählen sie, wie wunderbar sie sich selbstfinden und wie besonders die Menschen sind, die sie während ihres Trips treffen. Parallel zu diesen Telefonaten werden Bilder gezeigt, nach denen die Mädchen mehr und mehr eskalieren. Aus Alkohol wird Kokain, aus Sex werden Raubüberfälle. Während die Begleitung die Redundanz bemängelte, erinnerten mich diese Wiederholungen eher an einen Refrain. 

Auch die wenig komplexe Handlung macht aus den Film zu einem Lied. Vielleicht eine Gangsterballade, ein bisschen melancholisch, ein bisschen wild, oft auch kitschig, etwa wenn Alien am Flügel Britney Spears-Titel nachspielt und singt. Ästhetischer Trash, gepaart mit einer Erzählung, die sich nur scheinbar auf den ersten Blick erfassen lässt, machen den Film für mich interessant. Das Ende verweist erneut darauf, dass alles nur eine eskapistische Phantasie ist, die nur die sich leisten können, die noch über ein andere Leben verfügen. Der Rest bleibt auf der Strecke.

(Ganz offiziell läuft Spring Breakers zum 21.3. an.)

Gesehen: Anna Karenina

Irgendwann möchte ich noch Mal was über meine guilty pleasures, was Filme angeht, schreiben und Kostümfilme gehören definitiv dazu. Ich stehe sehr darauf, wenn das Setting vollgestopft mit Krempel ist, die Damen Kleider tragen, die ich mir alleine nicht Mal vorstellen könnte und der soziale Background der Handlung macht, dass englischer Landadel im 19. Jahrhundert zur einzigen angemessenen Berufsoption wird. Anna Karenina befriedigt diese Vorlieben vollkommen: es gibt Uniformen und Bälle, Tratsch und Intrigen, die allein durch Blicke weitergetragen werden. In weiten Teilen findet die Handlung auf Theaterbühnen statt, die sich wiederum in Modelleisenbahnlandschaften und Opernhäuser verwandeln. Das Ganze dann sogar, ohne das es überambitioniert wirkt. Ja, rein optisch war Anna Karenina schon sehr beeindruckend.

Leider: nach einer Stunde hofft man trotzdem langsam, dass sie bald Mal vor den Zug springt. Um festmachen zu können, woran das liegt, hätte ich vielleicht den Roman lesen sollen. Meiner Theorie nach schlägt hier der Madame Bovary-Effekt zu: die Hauptfigur (und damit meine ich tatsächlich Anna Karenina und nicht Keira Knightley) ist trotz ihres Elends auf eine Art und Weise inkompetent bis nervig, dass man mit der Zeit das Interesse daran verliert, wie ihre Geschichte endet.

Vermutlich Kinder ihrer Zeit, oder zumindest nach Blick des Autors auf seine Zeitgenossen, sind Ehebrecherinnen oft auf ebendiese Rolle beschränkt. Über Anna Karenina erfährt man sonst wenig, nur, dass sie ihren Mann hintergeht. Ihre ganze Persönlichkeit wird, zumindest im Film, darauf ausgerichtet: wie sie anfangs versucht, sich Graf Wronskij zu entziehen. Wie sie ihm nachgibt. Wie sie schließlich beginnt, an ihm zu zweifeln. Sie erschafft sich ihr eigenes Drama, wälzt sich darin herum, ist erfüllt davon. Dadurch wird sie zu einer der Bekanntschaften, die jeder hatte oder hat: die überwiegend mit Selbstmitleid von sich selbst erzählen. Denen geht man auch lieber aus dem Weg.

Gesehen: Girls

Manchmal sitze ich mit Freundin N. zusammen und wir denken an all die Geschichten zurück, die wir bereits miteinander erlebt haben. Und dann hoffe ich, dass sich niemand sonst mehr daran erinnern wird, wenn ich als Philosophin zu Anerkennung und Erfolg gekommen bin. Weil das Meiste, an das wir gerne zurück denken, eher zu Charlie Sheen passen würde. Manchmal habe ich mich in solchen Situationen gefragt, warum da eigentlich noch niemand so wirklich drauf gekommen ist: eine Buddy-Komödie mit Mädchen. Okay, es gibt Sex and the City und Bridesmaids, aber darin geht es immer eher um Frauen, die schon einen etwas gefestigteren Background haben und daher in manche Situationen gar nicht erst geraten. Mit irgendwaszwanzig dagegen ist man auf vielen Gebieten noch unheimlich blöd. Oft macht das Spass. Zumindest im Nachhinein.

Lena Dunham ging es vielleicht ähnlich. Allerdings war sie motivierter als ich und machte aus der Frage, wie es so ist, wenn das Studium durch ist, aber klare Vorstellungen zum Thema Zukunft fehlen, die Serie Girls. Ich mag Girls. Zumindest die 5 Folgen, die ich bisher gesehen habe. Girls handelt von vier New Yorker Freundinnen und Carrie, Charlotte, Samantha und Miranda kommen nur als Poster an der Wand vor. Eine ist Studentin, die Anderen schlagen sich mit Praktikas, Babysitting-Jobs oder der ersten Festanstellung rum. Die Wohnung ist eine WG, die Eltern wollen nicht mehr zahlen und die Männer benehmen sich auch komisch, entweder ermüdend korrekt oder genau im Gegenteil, unreif und unnahbar. Das ist eigentlich schon der ganze Plot.

Natürlich ist das ganze nicht so trocken wie von mir runtergeschrieben. Girls funktioniert oft auf zwei Ebenen: Fremdscham und Wiedererkennen. Also nicht das ich alles selbst genauso gemacht habe, aber Vieles erscheint nicht unbekannt: sich dramatisch den Kopf über jemanden zerbrechen, der sich bestenfalls halb für einen interessiert. Ausgefallener Sex, der eher schräg als erotisch ist. Soziale Inkompetenz, privat und auf beruflicher Ebene, etwa wenn die Hauptfigur Hannah während eines Vorstellungsgespräches Vergewaltigungswitze macht. Soweit bin ich zwar bisher nie gegangen, trotzdem konnte ich mir manche Folgen nur in 5-Minuten-Häppchen ansehen, so verstörend war es.

Gesehen: Heavy Metal in Baghdad

Zufällig bei 3Sat reingeschaltet und dann hängen geblieben:

Eigentlich ist Heavy Metal blöd und der Irakkrieg auch. Daraus muss man nicht extra noch einen Film machen. Sah Suroosh Alvi allerdings anders: 2003 berichtete er für Vice über Acrassicauda, die erste irakische Heavy Metal-Band. Dann war Krieg, dann Bürgerkrieg. 2006 reiste er erneut nach Bagdad, um zu sehen, was aus der Band geworden ist. Mit dem Resultat, dass Krieg ein Mal mehr nicht durch erschossene Kinder dargestellt wird, sondern durch die alltäglichen Gefahren und Einschränkungen und der daraus resultierenden Langeweile und Unzufriedenheit: Freunde besuchen? - Lebensgefährlich. Nach 18 Uhr raus gehen? - Noch gefährlicher, als der Aufenthalt draußen eh schon ist. Partys und Clubs sind verboten, der Gitarrenladen musste schließen, der Übungskeller, inklusive aller Instrumente, wurde ausgebombt. Das Ganze dann über Jahre, während die Protagonisten doch einfach nur ihre Haare wachsen lassen und headbangen wollen. Krieg gleich schlimm ist selbstverständlich, aber dass dieses “schlimm” plötzlich nicht mehr abstrakt ist, wird in Darstellungen nur selten erreicht. Wenn andere Kriegsfilme oder -reportagen versuchen, mit Blut und Gewalt wachzurütteln, tauchen diese beiden Elemente in Heavy Metal in Baghdad nicht auf. Stattdessen ist der Film unheimlich deprimierend, in dem er zeigt, wie wenig selbstbestimmt und dafür hoffnungslos das Leben der Bandmitglieder ist. Die zweite Hälfte des Films spielt übrigens in Damaskus, wohin Acrassicauda geflüchtet ist/sind. Mittlerweile leben alle in den USA, die Musik ist immer noch nicht gut (weil ja Heavy Metal) und laut Facebookseite haben einige der Musiker jetzt lange Haare. Was bisschen rührend ist, wenn man den Film gesehen hat.

Gesehen: The Dark Knight Rises

Über Bruce Wayne (Christian Bale) wird erzählt, er hätte seit Jahren nicht mehr den Ostflügel seines Anwesens verlassen. Er würde sich nicht mehr die Fingernägel schneiden und in Einmachgläser urinieren. Schon früher galt der Millionär nicht gerade als gesellig, mittlerweile hat er sich jedoch vollständig isoliert. Weil dieser Teil der Story sich eher für einen Lars von Trier-Film eignen würde, bleibt es natürlich nicht dabei. Das Auftauchen einer neckischen Schmuckdiebin (Anne Hathaway) und Gerüchte um eine geheime Untergrund-Armee machen, dass sich Wayne trotz maroder Kniescheiben wieder in seinen Hardplastikoverall zwängt. 

The Dark Knight Rises ist nicht unbedingt der beste Batman-Film. Viel zu lange dauert es, bis aus der Gotham City-Stadtverordnetenversammlung endlich eine halbwegs spannende Handlung entsteht. Dazu kommt, dass der aktuelle Antagonist Bane (Tom Hardy) in etwa die Ausstrahlung eines sowjetischen Hinterhofringers besitzt und seine deutsche Synchronstimme so klingt, als würde ein Betrunkener Harry Potter-Romane vorlesen. Nichts mehr von der euphorischen Zerstörungswut eines Jokers oder der Undurchschaubarkeit von Two-Face.

Herzerwärmend ist dafür das gezeigte Menschenbild. So lange es sich nicht um Waisenkinder handelt, treten die Einwohner Gothams als pöbelnder, selbstgerechter Mob in Erscheinung. Die durch Bane inszenierte Revolution erinnert dementsprechend schnell an die Jakobinerherrschaft. Einzig die Ordnungsmacht der vorrevolutionären Zeit stellt sich, gegen Ende, dem Treiben in den Weg: selten waren Polizisten, die Bürger niederknüppeln, so positiv belegt wie hier. Dennoch besteht kein Grund zur Sorge, die Botschaft des Films wäre gegen individuelle Selbstbestimmung: blinder Gehorsam wird genauso abgelehnt wie radikaler Aktionismus.