SpOn-Artikel von Gudrun Pausewang, natürlich zu der Sache in Japan. Genau darauf habe ich eigentlich gewartet.
Mit zehn verbrachte ich mit meiner Mutter, meinem Bruder und Freunden der Familie einen Teil der Sommerferien in einem Bergdorf in Ligurien. Die Erwachsenen fanden es wunderbar idyllisch, so am Ende der Welt. Ohne Auto, nächste Einkaufsmöglichkeit und Bushaltestelle sechs Kilometer Serpentinenstraße talwärts. Wir Kinder fanden die erste Woche ganz interessant, so in einem fremden Land und die letzten beiden Wochen furchtbar öde. Wenn wir uns nicht stritten oder zu endlosen Spaziergängen genötigt wurden, nötigten wir die Zeit, vorüberzugehen. In dem Ferienhaus gab es einige Lustige Taschenbücher, paar Lurchi-Hefte (“Lange schallt’s im Walde noch, Salamander, lebe hoch!”) und: Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schewenborn.
Für die, die es nicht gelesen haben: Die letzten Kinder von Schewenborn ist eine Mischung aus Becketts Endspiel und The Hills Have Eyes - Hügel der blutigen Augen, gepaart mit Atomkriegshysterie der 1980er. Außerdem als Jugendbuch eindeutig mit pädagogischen Absichten. Wie bei Endspiel wird eigentlich nie ganz klar, was genau die äußeren Umstände sind. Vermutlich hat ein Atomkrieg mindestens Europa in Schutt und Asche gelegt. Eine Familie wird davon während einer Autofahrt durch Mittelhessen (auch das noch!) getroffen. Der Rest handelt von den darauf folgenden Jahren, aus Sicht des Teenager-Sohnes: Ortschaften sind nur noch Trümmerhaufen. Menschen verstümmelt, sterben an der Strahlenkrankheit und an sich ausbreitenden Seuchen. Die Mutter bring ein Kind ohne Augen zur Welt, das vom Vater getötet wird. Die übrig gebliebenen Familienmitglieder ziehen auf der Suche nach Nahrung durch die Gegend und landen irgendwann in Frankfurt, wo ebenfalls kein Stein mehr auf dem anderen steht. Alles sehr anschaulich beschrieben, von fehlenden Gliedmaßen bis zur fehlenden Hoffnung.
Mit zehn registrierte ich nach einigen Seiten, dass mir der Stoff doch etwas zu creepy ist. Zwei Jahre später waren wir wieder im selben Ferienhaus. In der Zwischenzeit hatte ich keinen Gefallen an Gebirgswäldern und Olivenplantagen gefunden, dafür aber schon alle Lustige Taschenbücher durch. Also nahm ich mir erneut Die letzten Kinder von Schewenborn vor und las es komplett. Mit dem Resultat, dass die Einsamkeit der Gegend wenig an Reiz gewann. Die Berge wirkten noch gewaltiger, die Entfernung zum nächsten Ort weiter, aus räumlicher Distanz wurde Isolation. Wer würde es merken, wenn hier was passiert? Was passierte in der Welt, während wir hier oben waren? Wir hatten nicht einmal deutschsprachiges Radioprogramm. Gedanken, mit denen eine phantasievoll-paranoide Zwölfjährige ganze Nachmittage verbringen konnte. Wie oft habe ich mir in diesem Urlaub Atombombenexplosionen über Pinienwäldern vorgestellt.
Einige Monate später las ich Pausewangs Der Schlund. Ein ebenfalls sehr düsteres Jugendbuch über einen neuen Nationalsozialismus in naher Zukunft. Das nahm mich nicht ganz so mit, vielleicht war ich aber auch schon abgehärtet. Bis heute weiß ich nicht, was ich von Pausewang halten soll. Sie hat mir mindestens einige Tage versaut und das mit Absicht. Atomare Verseuchung und Faschismus sind schon Dinge, die man fürchten darf. Als Kind war ich dieser Furcht aber ausgeliefert, hatte nichts, womit ich sie relativieren konnte. Weder Zugang zu Informationen (Bergdorf!) noch Handlungsmöglichkeiten. Vielleicht hat die Angst damals nicht geschadet, aber genutzt? Kernkraft, Atombomben und Nazis kann man auch so ablehnen. Vom formalen Standpunkt aus ist es allerdings bemerkenswert, wie sehr Geschriebenes einen fertig machen kann. Die letzten Kinder von Schewenborn würde ich auch heute kein weiteres Mal lesen wollen.