wondergirl

Einträge getaggt mit privat

Tag 07/07/13

In der Straßenbahn lese ich Rolf Dobellis Die Kunst des klugen Handelns fertig. Guckt man sich den Lebenslauf des Autors an, ahnt man, für welche Sorte Mensch das Buch gedacht ist. Dennoch ist es nicht uninteressant. Ein Abschnitt handelt davon, dass man News vermeiden sollte. Keine Zeitschrift und kein SpiegelOnline, keine Nachrichten in Radio oder Fernsehen. Erstmal klingt es wissensfeindlich, dann fällt mir auf, dass ich es selbst längst ähnlich handhabe, wenn auch nicht zu 100% konsequent. Es hat mich müde gemacht, pro Tag geschätzt eine Stunde damit zu verbringen, wo welches Flugzeug abgestürzt ist oder was welcher Politiker zu welcher Quote gesagt hat. Es ist kein reines Desinteresse, Bücher und Hintergrundberichte lese ich nach wie vor regelmäßig und mit Informationsgewinn (so wie auch Dobelli es empfiehlt). Nachrichten haben für mich jedoch immer mehr was von einem Mini-Shitstorm. 

Tag 04/07/13

Einmal hatte ich eine Verabredung. Wir tranken Milchkaffee und er erzählte, woher er kam.  Von seinen Eltern, die türkische Gastarbeiter waren und ihn zum Bildungsaufsteiger werden ließen. Er fragte nach meinem Hintergrund. Meine Eltern sind beide Akademiker, trotzdem hatten wir nie viel Geld. Mein Vater zahlte keinen Unterhalt, meine Mutter arbeitete in einem Beruf, für den sie keine Qualifikation besaß. Ihr Stundenlohn ist so hoch wie das, was ich in meinen Studentenjobs verdiene. Das ich immerhin kulturelles Kapital mitbekam, war mir egal, als ich mit 12 ganz materielle Wünsche hatte: selbstausgesuchte Klamotten, Reitstunden oder den Schüleraustausch nach England. Meine Verabredung fand die Vorraussetzung gut: “Du hast Hunger. Aus dir wird was.”. Aber warum sollte ich mich ausgerechnet dafür entscheiden, mehr zu wollen? Kann es nicht genauso gut sein, dass man lernt, sich abzufinden, keine Ansprüche zu stellen und nichts zu erwarten, schon gar nicht von einem selbst?

Tag 20/06/13

Als der Dozent, für ein Gedankenexperiment, wissen wollte, wer von uns Studierenden verheiratet ist. Und sich von den etwa 20 Leuten im Raum eine Handvoll meldete. Auf Arbeit dasselbe. Die Besten sind verheiratet. Oder zumindest in sehr, sehr langen Beziehungen. Mit 25, höchstens 30. Nur ich, ich bin seit Jahren Single. Zusammen mit den Hyperaktiven, den Ungewaschenen und dem Typen, der mit 30 noch bei seinen Eltern wohnt. Fühlt sich in schlechten Momenten an wie Stuhltanz.

Tag 19/06/13

38°c erinnern an den Sommer, in dem ich hierher zog. Er liegt mittlerweile genau zehn Jahre zurück. Meinen Erinnerungen nach lag ich gefühltermaßen wochenlang im Kinderzimmer meines damaligen Freundes, die Fenster waren verschlossen und abgedunkelt, der Ventilator lief ununterbrochen. Wir verließen es erst nach Einbruch der Dunkelheit, duschten kalt, lebten von Langnese-Eis. Ich kann mich nicht erinnern, dass es im Norden jemals so unerträglich heiß wurde, wie es hier werden kann.

Keep Calm, Carry On

Ein Ex-Kollege erzählte ein Mal, wie er es macht, wenn er Respekt möchte: er bleibt ruhig. Wer auf Stress und Provokationen nicht reagiert, verunsichert seiner Meinung nach den Gegenüber. Wer ruhig ist, kann natürlich einfach nur gelassen sein. Genauso gut ist es aber auch möglich, dass es sich um einen potentiellen Axtmörder handelt, der dann zuschlägt, wenn keiner mit ihm rechnet. Bei jemanden, der außer sich ist, glaubt man zu wissen, woran man ist. Jemand der ruhig ist, bietet mehr Platz für Interpretationen. Der Ex-Kollege war sehr stolz darauf, dass es ihm so oft gelang, seiner Masche treu zu bleiben. Die Pointe ist allerdings, dass er bei Polizeikontrollen grundsätzlich mit vorgehaltener Waffe aus dem Wagen gebeten wird, weil die Polizisten auch nicht verstehen können, warum jemand in so einer Situation keine Miene verzieht.

Mit Kundenkontakt arbeiten kann ich nicht aufgrund eines ausgeprägten Einfühlungsvermögens oder einer grundsätzlich vorhandenen Hilfsbereitschaft. Ich kann es, weil ich ruhig bin. Mit ruhig meine ich nicht schüchtern. Selbst Kollegen, die besser mit Menschen können als ich, neigen gelegentlich dazu, laut zu werden, wenn sie auf besonders begriffsstutzige, pedantische oder überlaunige Kunden treffen. Mir selbst ist das noch nie passiert. Unzulängliche und unzufriedene Menschen verstehe ich zu gut, Lautwerden halte ich für ein Zeichen von schlechten Umgangsformen und nehme es nicht persönlich. Erfahrungsgemäß beruhigen sich die meisten Kunden schnell, wenn man ignoriert, dass sie es nicht schon die ganze Zeit sind. Unter Dienstleistern und Servicepersonal gibt es aber auch die Theorie, dass manche Kunden Widerstand wollen und brauchen. Ein verbaler Fight Club zum unbeschwerten Austoben, danach dann business as usual.

Ich weiß nicht, wann ich mich privat das letzte Mal gestritten habe. Der sachliche Austausch differenzierter Meinungen gehört für mich nicht dazu. Von anderen Arten negativer Gefühlsausbrüche muss ich nicht erst schreiben. Allein der Gedanke daran, jemandem “Fick dich!” ins Gesicht zu sagen, erinnert mich an die Jerry Springer-Show. Streit ist tatsächlich nichts, was ich suche. Aber manchmal wünsche ich mir, es wäre möglich. Manchmal gibt es Situationen und Verhaltensweisen, vor allem mit und von Menschen, die mir nahe stehen, bei denen ich gerne einen Szene machen möchte. Mit Schreien und Kreischen, Tränen und zerbrochenem Geschirr. Es einmal rauslassen, zeigen, wie ungerecht ich mich behandelt fühle und wie wichtig der Andere für mich ist. Denn nur sehr wenige Menschen können extreme Emotionen in mir hervorrufen. Nur: es würde sich für mich falsch anfühlen. Ich bleibe ruhig und kann nur hoffen, dass es nicht als Gleichgültigkeit verstanden wird.

Tag 09/02/11

Das Jahr, in dem ich Fasching feierte:

Wie bereits öfters subtil angedeutet, bin ich im Nordosten des Landes aufgewachsen. Ihr kennt es als das Gebiet hinter der großen Mauer, dort, wo die Wildlinge wohnen. Fasching spielte bei uns kaum eine Rolle. An einem Abend im Februar versammelte sich der volljährige Teil der Gemeinschaft in kostümierter Form in einem der verbliebenen Kulturhäuser. Dort gab es dann Tanzmusik (wasauchimmer) und die Frau des Bäckers landete auf dem Schoß des Bürgermeisters und am nächsten Montag war wieder alles vergessen. Alles in allem kurz und schmerzlos. Bestimmt gibt es irgendwo einen Paläoanthropologen, der genau weiß, warum Karneval in Vorpommern nicht wichtig ist.

Auch Frankfurt ist nicht gerade das Rheinland. Es gibt hier zwar von Prunksitzungen über Umzüge bis Faschingspartys genug Möglichkeiten, sich selbstzuverwirklichen, aber man kann der Sache auch ohne Umstände zu haben aus dem Weg gehen. In den letzten Jahren hätte ich jedenfalls von der Faschingszeit nicht viel mitbekommen, wenn da nicht Freundin N. gewesen wäre. N. hatte sich angewöhnt, kompromisslos als total slut loszuziehen und suchte Begleitung. Sie schwärmte vor, wie einfach es wäre, in dieser Atmosphäre Leute kennenzulernen, stürzte dann mit einem Krokodil ab und ich nahm mir auch für das folgende Jahr vor, nicht mitzukommen. 

Im vergangenen November war es ein bisschen anders. Mir kamen Zweifel. Nicht weil mir menschlicher Körperkontakt fehlte, mein Trinkverhalten eskalierte oder ich plötzlich gefallen daran gefunden hatte, mich zu verkleiden. Im Gegenteil, Letzteres stellte noch das größte “Aber” dar. Zu den verwirrendstes Erinnerungen aus meiner Studienzeit gehört eine private Kostümparty, für die Politikstudenten sich Filz auf die nackten Füße klebten, um als Hobbit durchzugehen. Verkleiden schien mit immer als belastender Dratseilakt zwischen Genie und Wahnsinn zu sein. Mit starker Tendenz in eine Richtung.

Viel wahrscheinlicher hat das “Vielleicht” zum Karneval mit der altersbedingt zunehmenden Uncoolness zu tun. Im Laufe des letzten Jahres wurde mir immer gleichgültiger, ob eine bestimmte Rocklänge zu kurz für meine dicken Beine ist. Ich fand mich auf dem Hip-Hop-Floor wieder. Ich trank Vodka mit Fruchtaromen. Der Schritt bis Karneval war plötzlich nicht mehr so groß. Außerdem kann ich mich als angehende Philosophin-Schrägstrich-Sozialwissenschaftlerin im Nachhinein für ziemlich viel vor mir selber rechtfertigen, in dem ich mir einrede, dass mein Interesse wissenschaftlich war.

Die Begleitung und ich entschieden uns für eine Veranstaltung im universitären Umfeld. Der Rest ist unspektakulär. Alkoholkonsum und Kontaktfreude waren minimal größer als auf gängigen Studentenpartys. Die Musik war durchschnittlich wie immer. Höchstens die Sache mit den Kostümen hätte einen Unterschied machen können, allerdings gab es auch da wenig, was ich nicht schon an Kommilitonen außerhalb der Karnevalszeit gesehen habe. Nur venezianische Masken, die Billy-Regale des Dresscode-Partys, konnten sich in Seminaren und Vorlesungen bisher nicht durchsetzen. Unterm Strich lässt sich die Sache mit dem Fasching in dieser Form wieder machen. Lediglich Prunksitzungen und Umzüge hebe ich mir noch ein Weilchen auf.

Tag 10/01/13

Ein Traum: ich bin frisch geduscht, meine Haare sind noch nass, um den Kopf trage ich ein Handtuch. Ich betrachte mein Gesicht, nicht im Spiegel, sondern durch das Objektiv einer Kamera. Auf der Haut bilden sich Unebenheiten, aus den Unebenheiten werden Beulen. Die Beulen fangen an zu verlaufen, nach unten zu tropfen, bis ich aussehe, als hätte Francis Bacon mich gemalt.

In einem anderen Traum gibt mir eine Professorin meine Magisterarbeit zurück. Aus irgendeinem Grund handelt es sich dabei nicht um einen Text über eine philosophische Fragestellung, sondern um Aufgaben aus dem Geometrie-Unterricht. Die Pyramiden und Dreiecke habe ich scheinbar freihändig, mit einem Kugelschreiber, gezeichnet. Die Linien sind mehrfach, was sie noch unordentlicher aussehen lässt. Ich habe nicht bestanden.

Tag 29/12/12

Zurück aus der alten Heimat. Wieder aus zweiter und dritter Hand gehört, was die Gleichaltrigen machen. Die Eine hat ein Kind, der Zweite übernimmt die Firma seines Vaters, der Dritte kam gerade nach einem Jahr aus Afrika zurück und fliegt demnächst weiter, zum Praktikum nach Brasilien. Und ich, ich habe Angst, etwas verpasst, zu vieles unversucht, zu wenig ausgeschöpft zu haben. Dabei möchte ich weder dringend Mutter, noch Geschäftsfrau sein und Afrika hat mich auch nie sonderlich gereizt. Es ist auch nicht so, dass meine Mutter mich drängt: sie hat Verständnis und außerdem meinen Bruder, dessen berufliche Laufbahn auch für Außenstehende nachvollziehbar ist. Es ist vor allem die Unsicherheit, in einem Alter zu sein, in dem alle scheinbar wissen was sie wollen, egal ob mit langfristigen Absichten oder aus temporärem Interesse. Oder sie zeigen zumindest Bereitschaft, sich auszuprobieren, zu experimentieren und zu riskieren, um herauszufinden, wohin es gehen könnte. Nur mir scheinen solche Ambitionen zu fehlen. Ich weiß, dass ich auch paar Sachen geschafft habe, irgendwiejadoch ein eigenes Buch und mein Name im Impressum einer Zeitschrift. Und ganz für mich bin ich auch nicht unglücklich, wenn da nur nicht immer der Vergleich mit den Anderen wäre, der zeigt, was man auch alles könnte, würde man wirklich wollen.

Tag 08/12/12

"Du bist ein nettes Mädchen. Vielleicht ein bisschen verrückt. Manchmal auf eine Art, die einen Angst macht. Aber ich mag dich trotzdem, daher…" leitet der Kollege seinen Satz ein, meint es ernst und ich bin ein bisschen verletzt. Als Tocher eines psychisch kranken Vaters ist "verrückt" kein Adjektiv, bei dem ich mir High-five gebe. Zu Mal mein Lebenswandel auch nicht die Möglichkeit einräumt, dass "verrückt" nur ein Synonym für "abenteuerlustig" oder "risikofreudig" ist: ich bin weder das Eine, noch das Andere. Was ich vielleicht bin, ist unsicher, ängstlich und unzulänglich im zwischenmenschlichen Bereich. An schlechten Tagen überlege ich durchaus, ob es eine Erbe ist. Nicht genetisch, aber durch die Erfahrungen. Irgendwann fängt man als Mensch an zu lernen, wie soziales Interagieren funktioniert. Und wenn eine der engsten Bezugspersonen da auch in erster Linie schwierig ist… zu Mal bereits die Mutter meines Vaters psychische Probleme hatte, die über eine Winterdepression hinaus reichten. Ich möchte nicht verrückt sein. Ich stalke niemanden, ich sammle keine Katzen und versuche, Andere nicht zu manipulieren. Mit 27 möchte ich reif, zuverlässig oder kompetent wirken, aber nicht geisteskrank.

Tag 30/11/2012

In der Orientierungsstufe habe ich in Freundschaftsalben gerne reingeschrieben, dass Herbst meine Lieblingsjahreszeit ist: es ist weder warm, noch kalt. Die Bäume sind bunt, die Luft ist klar, Nebelwände verzaubern Landstraßen, bei uns in Küstennähe gibt es die ersten starken Stürme, so laut, dass man nachts wach liegt und dankbar für das warme Federbett und den Hund am Fußende ist. Bestimmt wurde “Der Schimmelreiter” in solchen Nächten geschrieben. Außerdem habe ich im Herbst Geburtstag, was auch noch Mal ein enormer Pluspunkt ist, wenn man kein eigenes Geld hat und auf Geschenke angewiesen ist.

Jetzt bin ich froh, wenn ich den November überstanden habe. Während der Dezember meist mit Weihnachtsverpflichtungen und Lebkuchen vollgestopft ist und es im Januar langsam wieder heller wird, geht es im November erst ein Mal abwärts. November fühlt sich für mich an, wie Atréjus Ritt in die Sümpfe der Traurigkeit. Die Freunde rufen nicht an, das Studium ist ohne Nutzen, das Geld knapp, die Jobsituation aussichtslos und der Typ macht auch Probleme. Im Juli wäre das alles ein Achselzucken, wird ja wieder, wie es immer irgendwie geworden ist. Im November dagegen ist einfach Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit, Schwere. Jedes Jahr aufs Neue.